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Coworking. | Foto: Jens Hartmann.

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Projektwoche in Paris

22. Februar 2026

Als Journalist*innen jagen wir der Wahrheit hinterher: Wort für Wort. 25 Bilder pro Sekunde, auch Skizzen sind möglich. So dreht sich in unserer Projektwoche alles um den Comic-Journalismus. Neun Studis, fünf Tage, vier Reportagen.

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So, 15. Feb 2026

Sonntagmorgen in Mainz-Bretzenheim: Die einen Narren schleppen die Autos der anderen Narren ab. Ich selbst habe die letzten Worte von Gandalf dem Grauen im Ohr „Fly, you fools!“ und türme aus diesem verrückt gewordenen Städtchen. Wohin?! - Kopfradio voll aufgedreht: „Les Champs-Élysées“ von Joe Dassin. Dazu ein episches Voice Over: „Paris.“ Ich grinse in die Kamera und in mich hinein. Die Sonne strahlt ebenfalls. Au revoir, Mayence.

Habe Paris so oft in Geschichtsbüchern, Filmen und Romanen durchstreift, dass ich es nicht für nötig hielt den Ort selbst aufzusuchen. Die letzte Visite liegt über ein Jahrzehnt zurück. Mich reizt es als Setting der eigenen Fantasie, geschaffen aus Bruchstücken des kulturellen Gedächtnisses. Der Gang zur Bibliothek oder ein paar Mausklicks waren stets naheliegender als die Bahnfahrt.

So bin ich mit Grenouille und Baldini über die Pont au Change gestapft, habe mit Simone de Beauvoir, Sartre und Camus Kaffee getrunken, brauste mit Amélie durch Montmartre, erklomm mit Quasimodo die Zinnen von Notre-Dame, stand mit Max Ernst im Atelier, wartete mit Taro und Capa am Bahngleis und sah den Kopf von Marie-Antoinette über den Place de la Concorde rollen.

Paris, das scheint aus der Ferne betrachtet eine Idee zu sein, bei der alle vielwissend nicken. Ähnlicht wie wenn man vom Verliebtsein spricht: Alle wissen Bescheid und niemand hat so richtig Ahnung. Denn dein Crush ist nicht der meinige. Milliarden von Blicke formen eine Stadt, die von jedem anders empfunden und erlebt wird.

Das eigentliche Reisen ist beim Reisen ja meist das Unangenehmste. Mit über dreihundert Sachen pfeffern wir durch Regengrau hinter dem sich Frankreich verbirgt. Den Zug interessiert nur die Hauptstadt, auf die er schnurstracks drauf zu rumpelt. Endlich befreit von all den Verspätungen des DB-Schienennetzes darf er ein Fernzug sein, überrascht von der eigenen Geschwindigkeit, wie ein alter Klepper, der nach Jahren vor dem Pflug endlich losgaloppieren darf, bis die eingerosteten Sehnen knacken.

Vielleicht wäre es an der Zeit zu erklären, warum es nach Paris geht (auch wenn Paris über jeden Reisegrund erhaben ist im Vergleich zu anderen Städten wie beispielsweise Ludwigshafen). Grund ist jedenfalls die Projektwoche des Studienganges Transnationaler Journalismus, den ich seit Juli betreue. Liebevoll abgekürzt mit dem besten Akronym, das die Uni Mainz zu bieten hat: Tranama. Dieses Jahr dreht sich alles um Comic-Journalismus. Und wenn ich sowas schon mitorganisiere, dann will ich auch teilnehmen. Besonders schön: Zwei fantastische Dozis sind mit an Bord: Guillaume, der selbst Comic-Journalist ist und Tranama-Alumni und außerdem mein lieber Kollege Jens, Kommunikationsdesigner und ein Mensch, der mit dem Bleistift denkt (eines seiner Lieblingszitate: „Ich zeichne, damit ich sehe, was ich denke.“).

Es verspricht eine aufregende Woche zu werden, in der wir womöglich mehr weißes Papier vor der Nase haben als Paris-Skyline.

Gutenberg in Paris | Grafik: Philipp Neuweiler.

Mo, 16. Feb 2026

Ganz dem deutschen Klischee entsprechend erscheinen wir auf die Minute pünktlich am Eingang der Université Sorbonne Nouvelle. Die liebe Valérie, Professorin hier für Journalismus, erhält für mich endlich eine physische Präsenz (und ich für sie). Zwar tauschen wir uns jede Woche aus, aber eben nur digital. Bei den Tranama-Studis des ersten Semesters ist es noch krasser: Bislang hatten wir nur über Email Kontakt. Aus Matrikelnummern werden endlich Menschen mit eigenen Geschichten und Erfahrungen und Lebensrealitäten.

Auch das Universitätsgebäude ist nicht mehr nur ein Punkt auf Google Maps, sondern erhält Charakter: Angefangen von der Security-Schleuse, den weiten Gängen, in denen die Studis aus Mangel an Plätzen auf dem Boden in Schneidersitz-Pose über ihren Laptops kauern, die nagelneuen Räume, das kleine Amphitheater im Innenhof, die Dachterrasse mit Blick auf Sacré-Cœur mit den seltsam deplatzierten exotischen Pflanzen. Kurzum: Die übliche kleine Reizüberflutung, wenn sich das Gehirn eine gedankliche Karte zurechtbastelt.

Doch macht es uns die Kohorte ungemein leicht anzukommen: Die neun Studis sprühen vor Vorfreude (gemischt mit einer Prise Ehrfurcht) sich in ihre Comic-Reportagen zu stürzen. Ich selbst fange direkt an alles mit Bleistift und Fineliner zu dokumentieren. Quasi eine Art „Meta-Reportage“. An den Modus stundenlang vor mich hinzuskribbeln kann ich mich gewöhnen. Ungemein meditativ. Keine Mails. Nur wahrnehmen und zeichnen …

Université Sorbonne Nouvelle | Foto: Philipp Neuweiler.

So, 22. Feb 2026

Das obligatorische Foto, gestern vor Notre Dame. Doch viel haben wir von Paris nicht mitbekommen – bzw. von dem Paris aus den Broschüren und Social Media Feeds.

Jens und ich vor Notre Dame | Foto: Philipp Neuweiler.

Blättere ich durch mein Gedächtnis sind da vor allem der morgendliche Spaziergang auf den breiten Boulevards, die Security Checks am Uni Eingang. Die Berge aus Skizzen, Aquarellen, Laptops, unter denen noch etwas Tisch hervorspickt. Fensterlose Räume. Die Studis, so im Flow, dass sie von 9 bis 21 Uhr durchzeichnen. Das rasche Zusammenpacken am letzten Abend, bevor wir im Unigebäude eingeschlossen werden.

Wie alle in der intensiven Phase aufeinander Acht geben, sich Croissants mitbringen. Wie zwischen Deutsch und Französisch mitten im Satz geswitcht wird.

Eine fantastische Tour durch Marais, ein Künstler-Viertel nördlich der Seine. Der sonnenbeschienene Place des Vosges mit den Häuschen aus dem Industriezeitalter. Ein Bohème-Café, in dem es inzwischen verboten ist auf der Bar zu tanzen. Märkte, in denen das Tunken von Baguette in Sauce zum feierlichen Ritual wird. Guillaume, der immer wieder zu Interviews loszieht. Abgaben mitten in der Nacht und Design-Sprints am Freitag von 6 bis 12 Uhr.

Place des Vosges im Viertel Marais | Foto: Nadine.

Die enthusiastische Projekt-Präsentation. Alle zutiefst müde, stolz, glücklich. In solch intensiven Phasen lernst du die Menschen, mit denen du das durchziehst, auf ganz eigene Art kennen. Auch Jens sieht es so: „Die Gruppe erinnert mich an unsere eigene Studium-Clique damals. So verschiedene Temperamente. Doch alle geben aufeinander Acht und wuppen das gemeinsam.“ Eine ehemalige Kommilitonin von ihm, Nadine, zeigt uns freitags ihr ganz persönliches Paris, während die beiden immer wieder an alte Zeiten anknüpfen … Ich wünsche mir, dass es den neun Studis auch so geht: Dass sie sich nach ihrem Studium wiedersehen und in Erinnerungen schwelgen können.

Katja Schupp und Guillaume Amouret | Foto: Philipp Neuweiler.

Am Abend lassen wir die Woche feierlich ausklingen. Katja und Valérie, die beiden Professorinnen, sitzen zusammen auf der Eckbank. Ebenfalls zutiefst müde, stolz, glücklich … melancholisch, denn dies war die letzte Projektwoche dieses Studiengangs. Schließlich der Abschied in der Metro: „Wir sehen uns dann im Oktober in Mainz“, rufe ich der Gruppe zu. „Habt einen wunderbaren Sommer in Paris.“ Auch in mir leuchtet es. Das Gefühl etwas richtig gemacht zu haben. Eine transnationale Erfahrung, par excellence.

Die vier Comic-Reportagen könnt ihr euch übrigens über diesen Link hier anschauen – auf Deutsch oder Französisch. Übers Handy oder den Desktop. Sind alle richtig stark geworden und stilistisch einzigartig. Viel Freude damit!