Martha Gellhorn. Stimme des Krieges
2024, Mainz
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Martha Gellhorn. Stimme des Krieges
Deckblatt
Geschrieben von
Philipp Neuweiler
Mienenspiel Mainz 2024
Inspiriert von
Gellhorn, Martha: The Face of War. 1988.
Gellhorn, Martha: Travels with Myself and Another. 1978.
Gellhorn, Martha: Two by Two. 1958.
Moorehead, Caroline: Selected Letters of Martha Gellhorn. 2006.
Moorehead, Caroline: Martha Gellhorn: A Life. 2004.
Meinen Freund:innen gewidmet und all den unzähligen, deren Leben vom Krieg geprägt wurde, geprägt ist, geprägt sein wird. Mögen ihre Stimmen nie verstummen.
Danksagung
Ich danke meinen großartigen Lektor:innen: Laura, Max, Dario, meiner WG und ganz besonders Andreas, meinem lieben Schreibkompagnon, mit dessen Ratschlägen ich dieses Skript-Ungeheuer bändigen konnte. Sie alle haben durch ihr Vertrauen und ihre Gedanken diese Fassung mitgeprägt.
Nutzung
© 2024 Philipp Neuweiler
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Der Autor bleibt Inhaber aller Rechte.
Lizenz:
Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Keine Bearbeitung 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0)
Erstveröffentlichung:
https://philipp-neuweiler.de
Inhalt
Prolog
Akt 1
- 1.1 No es nada
- 1.2 Mit den Jungs in den Krieg
- 1.3 Stierkampf
- 1.4 Männerwelt
- 1.5 Spanische Erde
- 1.6 Nur eine Mätresse
- 1.7 Einen Penny für die Wahrheit
Akt 2
- 2.1 Wem die Stunde schlägt
- 2.2 Wiedersehen in Helsinki
- 2.3 Kuba-Exzess
- 2.4 Dynamitschiff
- 2.5 Turban steht dir
- 2.6 Blinde Passagierin
- 2.7 Omaha Beach
Akt 3
- 3.1 Fuck You, Colonel
- 3.2 Balagan
- 3.3 Dachau
- 3.4 Niemand war ein Nazi
- 3.5 Gerda Taro
- 3.6 Schrei nach Menschlichkeit
Akt 4
- 4.1 Eichmann in Jerusalem
- 4.2 Keine Fußnote im Leben anderer
- 4.3 Indochina
- 4.4 Abschied
- 4.5 Apokalypse Now
Epilog
0.1 Granaten über Madrid
Ein dunkles Grollen bahnt sich an. Eine Klangfläche, die sich nach und nach steigert zu einer Symphonie aus Lärm.
MARTHA
Es beginnt mit vier Geschichten, die vergessen werden.
Wir hören vier dunkle, ruckartige Stöße. Ein anschwellendes, scharfes Heulen, das sich langsam in die Höhe schraubt.
STIMME 1
Eine Nacht wie jede andere.
STIMME 2
Vier Mörserschüsse.
STIMME 3
Vier Todesurteile.
STIMME 4
An jenem 27. März im Jahr 1937.
ALLE
Vier Granaten fliegen über Madrid.
Die Flugkörper rotieren. Windböen schütteln sie.
STIMME 1
Sie sind bis obenhin voll mit hochexplosivem Pulver.
STIMME 2
Pikrinsäure, Hagel, Schrapnell.
STIMME 3
Engel aus Stahl, die aufflackern.
STIMME 4
Über dem Campus der Universität.
Atmo und Geräusche nehmen sich zurück. Die Musik hält die Spannung.
MARTHA
Und wieder befahren wir hirnverbrannt diese Straße. Mit voller Geschwindigkeit und auf dem Weg ins Nichts. Der Faschismus breitet seine Flügel aus über Europa. – Und ich? Ich möchte dagegen anschreiben. Will denen eine Stimme geben, die im Getöse zermalmt werden. „To put it on the record.“
ALLE
Und unter den Granaten tummelt sich das Leben.
Ein Beat setzt ein, der an Tempo und Lautstärke zunimmt.
STIMME 1
Da wäre Andres. 17 Jahre alt. Literaturstudent. Seit Wochen sitzt er auf dem Campus fest – im Schützengraben. Es ist sein erster freier Abend. Heute würde er sich seine Jugend zurückerobern. Er würde Carla in der Bar ansprechen. Und über seinen Schatten springen. Seinen kleinen, ängstlichen Soldatenschatten.
STIMME 2
Oder Alejandra. 61 Jahre. Alleinerziehende Großmutter. Bis abends harrt sie aus an den Lebensmittelschlangen. Gleich daheim würde sie ihre Enkeltochter wecken.
Die Ziegenmilch, den halben Brotlaib, die Wurstscheibe herrichten. Und zum ersten Mal seit Tagen würden sie sich sattessen. Ja, es ist eine liebliche Nacht. Und selbst die Sterne funkeln ihr zu. Doch in Wahrheit sind es …
ALLE
Vier Granaten über Madrid.
Der Beat endet unter dem Geheul der Bomben: Immer schriller, lauter, bedrohlicher.
STIMME 1
Ihr Gehäuse aus Gusseisen. Bereit zu zerbersten.
STIMME 2
Hungern sie nach Mauern. Menschenfleisch.
STIMME 3
Erreichen den Zenit ihrer Flugbahn.
STIMME 4
Über der Calle de la Princesa.
Atmo und Geräusche nehmen sich zurück. Die Musik hält die Spannung.
MARTHA
Hitler, Mussolini, Salazar – Faschisten in ganz Europa beliefern Franco mit Waffen, während die demokratischen Länder still‑schweigend zusehen. Wieder diese alten Hassmärchen. Völker, die Propaganda und Lügen schlucken. Dabei gibt es nur eine Geschichte des Krieges: Und die erzählt von Leid, Hunger, Flucht und Tod.
ALLE
Und unter den Granaten duckt sich das Leben.
Wieder setzt der Beat ein.
STIMME 3
Die kleine Maria. 8 Jahre alt. Kriegswaise. Den ganzen Tag hat sie in den Ruinen gespielt. Fassaden, aufgeschnitten wie Puppenhäuser. Noch immer ist die Großmutter nicht zurück. Sie versucht ruhig zu bleiben, zu schlafen, damit der Hunger nicht mehr so beißt.
STIMME 4
Oder Pedro. 34. Architekt. 14 Stunden lang hat er Löcher gefüllt. Mauern gestützt. Das letzte Holz verbaut, das diese Stadt noch zu bieten hat. Um die Häuser zu verarzten. Nun am Feierabend stopft er sich seine Pfeife. Um die Welt für einen kurzen Augenblick zu vergessen. Wären da nur nicht …
ALLE
Vier Granaten über Madrid.
Der Beat endet. Kreischendes Fauchen. Sie gewinnen an Fallgeschwindigkeit.
STIMME 1
Die Zündnadeln im Anschlag.
STIMME 2
Bereit eine Hölle loszubrechen.
STIMME 3
Die Schwerkraft zwingt sie in den freien Fall.
STIMME 4
Unaufhaltsam hinab. In den Stadteil Chamberí.
Atmo und Geräusche nehmen sich zurück. Die Musik hält die Spannung.
MARTHA
Ich glaube an das Gute im Menschen. Will zu jener Gruppe gehören, die das ungehörte Grauen hinausbrüllt in die Welt. Damit es zukünftig verhindert wird. Damit es nie wieder geschieht. Wir brauchen Journalismus dringender denn je. – Ist nicht die Wahrheit die beste Waffe gegen den Krieg?!
Die Granaten kreischen nun ohrenbetäubend. Sind kurz vor Einschlag.
STIMME 1
Eine Nacht wie jede andere.
MARTHA
Es kann sich nur etwas ändern. Es muss sich etwas verändern.
STIMME 2
Und vier Menschen, die vergessen werden.
MARTHA
Wenn nicht, sind wir hoffnungslos verloren.
STIMME 1
Und Andres, der die Bar betritt.
STIMME 2
Und Alejandra, die über die Sterne lacht.
STIMME 3
Und Maria, die aus dem Schlaf hochschreckt.
STIMME 4
Und Pedro, der ein Streichholz entzündet.
ALLE
Und eine Stille …
Schlagartig Stille.
ALLE
(flüstern) … die brüllt.
1.1 No es nada
Das Klicken eines Feuerzeugs. Jemand zündet sich eine Zigarette an. In der Eingangshalle eines Hotels. Aus der Ferne donnern leise die einschlagenden Granaten.
MARTHA
(nimmt einen Zug, dann ans Publikum) Da wäre noch eine fünfte Geschichte: Von einer jungen Frau. 28 Jahre alt. Reporterin aus St. Louis, Missouri. Ihr Name: Martha Ellis Gellhorn. – Es ist meine Geschichte, die an jenem Abend ihren Anfang nimmt. Hier, in diesem stockfinsteren Hotel Foyer, mitten im Herzen von Madrid … (nimmt einen weiteren Zug)
Schritte nähern sich.
CONCIERGE
(herbeieilend) Disculpe señorita. No se puede fumar aquí.
MARTHA
Bitte?
CONCIERGE
Verzeihen Sie, aber in der Lobby herrscht stricktes Rauchverbot.
MARTHA
Oh, na dann …
Sie drückt ihre Zigarette aus.
CONCIERGE
Sie erlauben, dass ich Ihnen mit dem Koffer behilflich bin? Normalerweise sind die Pagen zur Stelle. Nur dieser Tage. Nun ja, diese Schrapnell-Geschosse, Sie wissen ja …
Er greift nach dem Koffer. Sie durchqueren das Foyer. Bei jedem Schritt knirscht es.
CONCIERGE
Ihr erstes Mal in Madrid?
MARTHA
Ja … Sagen Sie, dieses Donnern da draußen. Sind das auch …
CONCIERGE
Oh, no es nada. Nichts weiter. Ich tippe auf Chamberí. Ganze zwei Blocks von hier. Kein Grund zur Beunruhigung.
MARTHA
Und die ganzen Glassplitter? Von den Fenstern?
CONCIERGE
Oh, die Handwerker wurden bereits informiert. No es nada. Sorgen Sie sich nicht.
MARTHA
Und diese Risse an der Fassade? Fast so, als würde das Hotel gleich in zwei Hälften brechen.
CONCIERGE
Ach, die Dunkelheit, Señorita …
Er klappt den Zugang zur Rezeptionstheke auf.
CONCIERGE
Da wirkt alles gleich ‚demoníaco‘. Nur ein wenig bröckelnder Putz. No es nada. Ein Zeichen altehrwürdiger Reife. (wuchtet) Hep!
Er wuchtet das Rezeptionsbuch auf den Tisch und blättert darin.
CONCIERGE
(pustet etwas Staub weg) So, lassen Sie mich mal raten: (liest) „Martha Gellhorn“, ¿verdad?
MARTHA
Richtig.
CONCIERGE
Bereits reserviert über ihren Ehemann …
MARTHA
Er ist nicht mein Mann.
CONCIERGE
Sí, claro. Ihr … Freund, Señor Hemingway hat ihnen jedenfalls die 107 gebucht. Dritter Stock. Einzelbad. Panoramafenster. Zur Nordseite hin angenehm ruhig …
Eine weitere Detonation. Diesmal so nahe, dass das gesamte Foyer und der Rezeptionstisch erzittern. Der Kronleuchter klirrt. Putz rieselt von der Decke.
MARTHA
(muss husten)
CONCIERGE
(als sei nichts gewesen) Angenehm ruhig ... Kleiner Tipp noch: Bitte stets die Fenster kippen, ¿vale?
MARTHA
(krächzt) Zum Druckausgleich?
CONCIERGE
Zum Wohl unserer Gäste.
Hält ihr plötzlich die Schlüssel unter die Nase.
CONCIERGE
Hier noch die Zimmerschlüssel, Señorita Gellhorn. Willkommen im Hotel Florida.
Feierlich klappt er das Rezeptionsbuch zu. Pling – ein Aufzug. Die Gittertür wird geöffnet. Szenenwechsel in einen Hotelflur. Draußen grollen immer noch Explosionen wie ein Unwetter.
CONCIERGE
(im Redefluss) … und dann müssen Sie sich unbedingt noch das Museo del Prado ansehen. Vielleicht das bedeutendste Museum in ganz Europa. Zugegeben, die Kunstwerke wurden im November evakuiert. Aber die Fassade, ja, die kann sich noch blicken lassen ...
Herbeieilende Schritte.
CONCHITA
(kommt zu ihnen) Lass offen, Jose. Ich nehm‘ den Aufzug.
CONCIERGE
Conchita.
Sie drängt sich an ihnen vorbei. Trommelt auf etwas Metallisches.
CONCHITA
Sí, señora. Ein hässlicher, kleiner Blindgänger.
CONCIERGE
Ah.
MARTHA
Ow, ist das …
CONCHITA
Sí, señora. Ein hässlicher, kleiner Blindgänger.
CONCIERGE
Und harmlos in jedem Fall. Kommen Sie, hier sind wir schon.
Er stellt den Koffer ab und macht sich daran das Zimmer aufzuschließen.
CONCHITA
Erzähl das dem Gast im Siebten. Das Biest hat ihm Fenster und Tür zerlegt. Hat’s bis ins Treppenhaus geschafft und sich dann am Geländer verkeilt.
MARTHA
Und jetzt?
CONCHITA
Wird ein Lampenschirm draus. Sehen Sie die ganzen Lichter hier im Flur?
CONCIERGE
¡Conchita, por favor! ¡Un poco de discreción! [Conchita, bitte! Ein wenig Diskretion!] Lassen wir Señorita Gellhorn doch erst einmal ankommen!
CONCHITA
Wissen Sie, unser Nachtconcierge ist ganz verrückt nach Bronze. Ballistischen Hauben – daraus lässt sich eine Menge basteln ...
Der Concierge öffnet mit seinem Schlüssel die Zimmertür.
CONCIERGE
Sie werden müde sein. Kommen Sie, alles in Ihrem Zimmer ist frisch bezogen und himmlisch ...
Gewaltige Explosion. Eine Granate zerlegt das Gästezimmer in Schutt und Asche. Alles erbebt. Nach und nach verhallt der Donner im Flur. Übrig bleiben polternde Holz- und Granitstücke.
CONCIERGE / MARTHA / CONCHITA
(husten, rappeln sich hoch)
CONCIERGE
(krächzt) ¡Carajo! ¡Que coño! [Verdammt! Was zur Hölle!] … Señorita? Señorita, ¿está usted bien? [Fräulein, sind Sie ok?]
MARTHA
(krächzt benommen) Hier drüben … Was …
CONCIERGE
Lyddidrauch. No es nada. Nur etwas Säure. Alles in bester Ordnung.
CONCHITA
Was man von der 107 nicht behaupten kann.
Sie steigen über die Trümmer der Tür. Wind heult ins Zimmer. In allen Ecken bröckelt der Schutt. Aus dem Bad sprudelt Wasser.
CONCHITA
Hat die Toilette erwischt. Die Kommode und …
CONCIERGE
(schreit auf) Das Panoramafenster! – Sag ich nicht allen, sie sollen es kippen. Was ist so schwer daran die Fenster zu kippen … Aber immerhin, das Bett ist heile. No es nada. Morgen schicken wir die Handwerker.
CONCHITA
Und die Maurer. Schau dir das Loch an. Ay …
Sie treten ans Fenster. Nachtgeräusche von draußen. Kalter Märzwind.
CONCIERGE
Noch mehr Panorama. (lacht traurig)
CONCHITA
Das Biest hat‘s offenbar komplett zerrissen. Schade um den Lampenschirm.
CONCIERGE
Positiv sehen: Wie gut das Señorita erst so spät eingecheckt hat.
MARTHA
Haben Sie denn noch ein anderes Zimmer?
CONCIERGE
Ein anderes? – Oh, ja natürlich. Da wäre, nun ja …
CONCHITA
Die 109 ist frei geworden.
CONCIERGE
Ist sie? Aber Señor Williams.
CONCHITA
Hast du nicht die Anzeigen gelesen, Jose?
CONCIERGE
(schockiert) ¡No! ¡Qué pérdida! [Nein! Welch ein Verlust!]
CONCHITA
(zu Martha) Also ja, die 109 können wir Ihnen anbieten. Allerdings noch nicht frisch bezogen. Und es würde Sie ein paar Peseten mehr kosten, fürchte ich. Wegen der Lage nach Osten. Sichtschutz vor der Artillerie. Im Haus kursiert diese Theorie …
CONCIERGE
Theorie, Theorie?! – Statistik, Conchita, die Zahlen belegen es …
CONCHITA
Jedenfalls behaupten sie, dass es dort zu weniger Einschlägen kommt.
MARTHA
Ich nehm’s.
CONCIERGE
Vale. Conchita, würdest du …
CONCHITA
Sí, claro.
CONCIERGE
Und das Gepäck von Señor Williams …
CONCHITA
Wie immer.
CONCIERGE
Vale. Ich werde dann mal die Umbuchung vermerken. Und den Check-Out von Señor Williams. (räuspert sich) Ach, Conchita, frische Bettbezüge …
CONCHITA
Nehme ich von hier. Da hatten wir ja Glück dieses Mal.
CONCIERGE
Excelente. (räuspert sich erneut) Buenas noches, Señorita Gellhorn. (ab)
MARTHA
Gute Nacht.
CONCHITA
(zu sich) Ay ay ay … (zu Martha) Würden Sie das hier kurz für mich halten, Señorita?
Sie drückt ihr den Blindgänger in die Hand. Zieht das Bett ab.
MARTHA
Ow, ähm … Sicher, dass das Ding sicher ist?
CONCHITA
Sicher. Nur nicht oben dranfassen.
MARTHA
Sí, claro.
CONCHITA
Es gefällt Ihnen nicht, wie? – Madrid, meine ich?
MARTHA
Nun ja, nicht so wirklich.
CONCHITA
No es nada – Das ist gar nichts. Im November, da hätten Sie mal hier sein sollen. Die deutschen Junker haben hier ein höllisches Feuerwerk veranstaltet. Sie werden sich schon noch dran gewöhnen.
MARTHA
Vermutlich ...
CONCHITA
Und immerhin: Man kann ja nur einmal sterben.
Die Atmo endet.
1.2 Mit den Jungs in den Krieg
Ein Buch wird aufgeschlagen und durchblättert.
MARTHA
Tagebuchnotiz. Zwei Monate zurückgeblättert.
Stiftkratzen.
MARTHA
Es war der 25. Januar 1937: Vaters erster Todestag. Ein Jahr schon dieses Nicht-mehr-Antworten. Diese Leere. Sein ganzes Leben hat er als Arzt dem Wohl anderer gewidmet. Blicke ich da auf meine eigenen 28 Jahre, beschämt mich die Bilanz: Eine gescheiterte Affäre, zweieinhalb schlechte Romane und unzählige Artikel … Ich muss weiterschreiben – an etwas Großem, Sinnhaften – und habe endlich eine Richtung dafür: Europa. Spanien. Ernest Hemingway. Werde den Jungs folgen. Auch wenn ich keinen Schimmer habe, wer diese Jungs eigentlich sind. Mit Pauken und Trompeten breche ich auf …
Sie zieht einen Strich.
MARTHA
… in den Krieg.
Treibender Beat setzt ein. Das Aufbruch-Motiv.
MARTHA
12. Februar. St. Louis. Die Reaktionen meiner Freunde:
STIMME 1
Großer Gott, Martha!
STIMME 2
Das wars, du wirst draufgehen.
STIMME 3
Für wen? Für Was?
Ein Stempel knallt.
MARTHA
27. Februar. New York. Meine Abschiedsbriefe sind endlich auf der Post. Jetzt wird alles gut. Ich weiß endlich, was ich möchte.
Klatsch – etwas Klebriges wird aufgetragen.
STIMME 4
(feierlich) Unsere neue Antifalten-Creme! Bitte zwei Stunden einwirken lassen.
MARTHA
28. Februar. Seele verkauft. Ein Artikel für die Vogue über die …
STIMME 4
„Schönheitsprobleme der Frau Mittleren Alters“.
MARTHA
Abends: Hautausschlag im kompletten Gesicht. Was tut man nicht alles, um etwas Geld zusammenzukratzen für …
Schiffshorn dröhnt. Ein Kahn läuft aus.
MARTHA
… eine Überfahrt nach Frankreich. 2. März. Atlantik. Ich büffle etwas Spanisch.
STIMME 3
(überdeutlich) „Soy periodista.“
MARTHA
„Ich bin Journalistin.“
STIMME 3
„No disparen, estoy desarmada.”
MARTHA
„Nicht schießen, ich bin unbewaffnet.”
STIMME 4
(dreckige Lache) Nach Madrid, Mademoiselle?! Sind Sie lebensmüde!?
MARTHA
22. März. Zwischenstation in Paris. Die ganze Stadt ist voll mit Exilanten. Nur, dass es die meisten in eine andere Richtung zieht. Möglichst weit weg von Hitler, Franco, Mussolini. Ich dagegen nehme den Zug runter bis zur spanischen Grenze.
STIMME 2
Votre billet, s'il vous plaît! [Ihr Ticket bitte.]
Krick. – Ihr Ticket wird entwertet. Zugpfeife. Eine Dampflok braust mit Affenzahn vorüber.
MARTHA
Südlich von Andorra ist es nur ein Katzensprung. Keine Kontrollen. Nur ein Fußmarsch durch den Tiefschnee rüber nach Spanien. Danach weiter mit dem Zug.
STIMME 2
¡Su billete, por favor! [Ihr Ticket bitte.]
Krick. – Ein weiteres Ticket wird entwertet. Zugpfeife. Eine Dampflok braust mit Affenzahn vorüber.
MARTHA
24. März. Barcelona. Auf der Rambla kreischt mir die Propaganda ins Gesicht. Die Gassen: Voll mit jungen Soldaten. Milizen aus ganz Spanien, England, Amerika.
Ein Geländewagen poltert über schlammige Pisten. Schweine grunzen. Hühner flattern.
MARTHA
26. März. Weiterfahrt über Valencia in einem viel zu engen Transporter. Die anderen Mitfahrer: Drei Ferkel aus Tarragona und 20 Hennen. Habe ich die Konservenkisten erwähnt? Es wäre ein bitteres Ende von 200 Kilo Marmelade gesteinigt zu werden.
Reifen kommen zum Stehen. Kalter Wind heult über die Felder. In der Ferne grollt die Artillerie.
MARTHA
27. März. Madrid. Pechschwarz kauert es vor mir in der Nacht. Von den Bergen her Lichtblitze. Das Donnern der Artillerie. Es schmeckt nach Angst. Courage. Warum das alles, beginne ich mich nun doch immer häufiger zu fragen. Dieser ganze Weg? Um mir selbst etwas zu beweisen? Wenn ich ganz ehrlich zu mir bin …
Musik und Atmo enden abrupt.
MARTHA
… ich habe keinerlei Ahnung, was ein Krieg eigentlich ist.
1.3 Stierkampf
Pling – Die Rezeptionsklingel läutet. Zurück im Hotel-Foyer. Von draußen leichter Straßenlärm.
CONCIERGE
Lo siento mucho, señorita. Aber in den Presseclub der Brigade sind leider nur Korrespondenten geladen.
MARTHA
Oh, das trifft sich. Ich bin Korrespondentin.
CONCIERGE
(räuspert sich) Mit Verlaub, Señorita. Korrespondenten.
Schritte nähern sich. Jemand schleppt mehrere schwere Taschen.
CAPA
(beim Tragen) Da sind Sie ja. Greifen Sie an. Oder soll ich das Stativ allein schleppen?
CONCIERGE
Señor Capa! – Un momento.
CAPA
Sie meine ich nicht. Das Fräulein. Meine fotografische Assistentin.
CONCIERGE / MARTHA
Ihre Assistentin?
CAPA
Na sicher. Hier …
Klappernd drückt er ihr das Stativ in die Hände.
CAPA
(zum Concierge) Würden Sie uns nun durchlassen?
CONCIERGE
Sí, claro, Señor Capa.
Sie schleppen Stativ und Tasche einen Gang entlang.
MARTHA
(beim Tragen) Danke. – Sie heißen ‘Kapa‘?!
CAPA
Capa.
MARTHA
Wie der Robert Capa?!
CAPA
Wenn Sie nicht den anderen meinen.
Wusch. – Alle Umweltgeräusche verstummen.
MARTHA
(zum Publikum) Ich habe sofort dieses Foto im Kopf. Vermutlich das Berühmteste, was es vom Spanischen Bürgerkrieg gibt.
Eine Kugel surrt überlaut durch die Luft. Tschack – sie schlägt in einen Körper ein.
STIMME 4
(stöhnt getroffen auf) Der Hall des Gewehrschusses donnert aus der Ferne nach.
MARTHA
„Der fallende Soldat.“ Capa hat diesen Todesmoment auf Zelluloid gebannt, als ein einfacher Soldat von einer Kugel erwischt wird. Er taumelt nach hinten. Seine Arme rudern durch die Luft … Doch ihnen bleibt nichts mehr zu greifen in diesem Leben.
Wusch – Die Umweltgeräusche kehren zurück.
CAPA
Ach das. Glückstreffer. – Sie heißen Gellhorn, richtig?
MARTHA
Ja, woher …
CAPA
Er hat von Ihnen erzählt.
MARTHA
Ernest? – Sie kennen sich?
CAPA
Wer tut das nicht. Ernesto hat mich auch dazu verdonnert heute Abend Fotos zu knipsen. Leider Gottes bin ich ihm den Gefallen schuldig.
MARTHA
Fotos von einem langweiligen Presse-Club?
ERNEST
(markerschütternder Kampfschrei) Waaaaaaaaah!!!
PAUL
(holt aus) Hhhhhh!
Bamm! – Ernest und Paul rammen ihre Köpfe mit voller Wucht gegeneinander. Mitten im „Presseclub“. Stimmung wie in einer Stierkampf‑Arena.
CAPA
(nüchtern) Miss Gellhorn. Willkommen in unserer Stierkampf‑Arena.
Er beginnt das Stativ aufzubauen.
MARTHA
(entsetzt) Wer von beiden ist der Torero und wer der Stier?!
CAPA
(während er aufbaut) Nun, das da drüben …
PAUL (keucht taumelnd)
CAPA
… ist Paul Allen. Star‑Reporter der Times. Ernesto kennen Sie ja bereits …
ERNEST
(schnauft wie ein Stier) Hrrr … hrrr …
Ein Gong‑Signal wie beim Boxen. Paul und Ernest hacken wie wild in ihre Schreibmaschinen.
CAPA
Pro Runde schreiben beide einen Absatz von etwa 100 Worten …
Erneut erklingt der Gong. Papier wird hastig aus den Schreibmaschinen gezogen.
CAPA
Eine unabhängige Jury bewertet die Textabschnitte und wählt den Rundensieger.
Papier wird auf einen Tisch geklatscht und sortiert.
JURY
(verkündet) Und dieses Mal ist es: Ernest Hemingway!
ALLE
(klatschen und jubeln)
Plopp – Eine Flasche wird ausgeschenkt.
CAPA
Er entscheidet dann über die Menge an Brandy. Der Runden‑Verlierer trinkt doppelt so viel, versteht sich. Sie hauen die Köpfe zusammen und die nächste Runde beginnt.
MARTHA
Das ist absolut hirnrissig. Warum zur Hölle tut jemand so etwas?!
CAPA
Was weiß ich. Hauptsache mein Pferd gewinnt.
MARTHA
Sie wetten mit bei diesem Schwachsinn?! Auf wen?!
CAPA
Den Stier natürlich.
ERNEST
(prostet Paul betrunken zu) Auf la guerra! Auf ihre hässliche Visage, Mr. Allen! Und auf das Blut der spanischen Erde!
ALLE
(feuern ihn an) ¡Venga! ¡Venga! ¡Venga!
Ernest kippt sein Glas aus und pfeffert es demonstrativ auf den Tisch.
ERNEST
(sobald er fertig ist, stößt er ein barbarisches Brüllen aus)
PAUL
(lallt) Auf den alten Josef Stalin! Seine Spione! Und Reporter wie Sie, Mr. Hemingway, die nichts – nada – darüber berichten!
ALLE
(feuern erneut an) ¡Venga! ¡Venga! ¡Venga!
Paul kippt zwei Gläser und stellt sie nacheinander ab.
PAUL
(versucht ebenfalls zu brüllen, doch es klingt nach einem kümmerlichen Krächzen)
Capa schießt Fotos. Martha kramt nach Objektiven.
CAPA
Ay, das gibt Probleme. Reichen Sie mir das Objektiv da aus dem Koffer. – Nein, das da.
MARTHA
Verwackelt?
CAPA
Nein. Aber sehen Sie die Uniformgesichter dahinten? – Sowjetische Redakteure. Stalins Augen, Stalins Ohren. Und vermutlich auch seine Fäuste.
ERNEST / PAUL (schreien sich erneut an)
Bamm! – Wieder ein Kopfstoß.
MARTHA
Herrgott, wie viele Runden geht dieser Wahnsinn denn noch?
CAPA
Nun, den leeren Flaschen nach zu urteilen …
Wieder der Gong. Die Schreibmaschinen klappern los.
ERNEST / PAUL (keuchen beim Tippen wie bei einem Ringkampf)
MARTHA
Worüber schreiben sie eigentlich?!
PAUL
(beim Tippen zu sich) Guadala … ne, scheiße …
CAPA
Ich schätze mal Guadalajara. Die Schlacht vor wenigen Tagen.
MARTHA
Ernest hat gar nicht erwähnt, dass er in einer Schlacht war.
CAPA
War er auch nicht. Keiner der hier Anwesenden.
Ernest und Paul schreiben fertig. Papier wird auf den Tisch geklatscht. Wieder ertönt der Gong.
JURY
(verkündet) Und erneut geht die Runde an – Ernest Hemingway!
ALLE
(klatschen und jubeln)
Plopp – Die nächste Runde wird ausgeschenkt.
ERNEST
Auf ihre Pseudo‑Objektivität, Mr. Allen. Auf dass sie Franco in die Tasche spielen und dafür …
ALLE
(feuern ihn an) ¡Venga! ¡Venga! ¡Venga!
Ernest kippt nun zwei Gläser.
PAUL
(völlig betrunken) Auf ihr‑n … (rülpst und bricht zusammen)
Paul fällt vornüber und poltert zu Boden.
ERNEST
(brüllt einen Siegesschrei)
ALLE
(tobende Menge)
CAPA
Na endlich. (zu Ernest) Ernesto, bitte einmal für die Kamera!
Flash – eine Blitzlichtbirne.
MARTHA
(sobald sich der Trubel legt) So sieht man sich also wieder …
ERNEST
(sehr betrunken, überschwänglich) Mookie! Teufel, lass dich drücken!
MARTHA
Setz dich besser, bevor du umkippst.
Ernest lässt sich auf einen Stuhl fallen.
ERNEST
(keucht zufrieden) Na Capa, hab‘ ich dir zu viel versprochen von dem Mädchen?!
CAPA
Du hast behauptet, ihre Oberschenkel würden ihr bis zum Hals reichen.
ERNEST
Du Verräter, nein, dass sie mutig ist! Nenne mir ein Teufelsweib aus den Staaten, die sich bis hierher traut nach Madrid. Dieser Paul Alan. (kichert) Ich sag‘s euch: Hab‘ schon Oscar Wilde besiegt. Blake und Dickens. Zwei Mal Unentschieden gegen Poe. Und irgendwann, ja, irgendwann fordere ich noch das russische Schwerkampfgewicht heraus. Den alten Tolstoi.
MARTHA
Heute Abend jedenfalls machst du selbst Goebbels keine Konkurrenz mehr.
ERNEST
Fall mir nicht in den Rücken, Mookie! Du kennst die Spielregeln noch nicht. Morgen, ja, da zeige ich dir alles. Dann lernst du ihn hautnah kennen: ‘La guerra’ – den Krieg.
Atmo endet.
1.4 Männerwelt
Einsatz ¡Ay Carmela! (Rebellenlied der Spanischen Republik).
STIMME 3
(singt) Und es lebe die Brigade. Rumba la rumba la rumba la!
STIMME 3 / 4
(singen) Und es lebe die Brigade. Rumba la rumba la rumba la!
ALLE
(singen) Die uns führen wird zum Siege. ¡Ay Carmela! ¡Ay Carmela! Die uns führen wird zum Siege. ¡Ay Carmela! ¡Ay Carmela!
Musik rückt in den Hintergrund.
MARTHA
Der erste Morgen: Ich warte im Foyer. Stundenlang. Nur Damen, leicht bekleidet, strömen aus dem Hotel. Alle Korrespondenten schlafen noch. Zum Frühstück erwarte ich eiserne Rationen …
Pfannenfett brutzelt.
ERNEST
(mampfend) Eier, Speck und sogar noch etwas Schokolade. – Bediene dich, Mookie.
MARTHA
Himmel, woher hast du das alles?!
ERNEST
(mampfend) Privatvorräte. Muss ja auf meine Linie achten.
MARTHA
(ans Publikum) Schließlich brechen wir auf. Ich rechne mit allem: Maultiere. Esel. Fußmärsche durch Sümpfe …
Hupe trötet. Motorenlärm.
MARTHA
Ein Auto?
ERNEST
Als Amerikas Nummer-Eins-Korrespondent.
MARTHA
Himmel, wie viel zahlen sie dir?!
ERNEST
Kommt ganz auf die Textlänge an. 500. Manchmal 1.000.
MARTHA
1.000 Peseten?!
ERNEST
US-Dollar.
MARTHA
Laus, davon kann hier eine Familie ein Jahr lang überleben.
ERNEST
Andere Welten, andere Sitten. – ¡Vamos!
Musik rückt wieder in den Vordergrund.
STIMME 3
(singt) Und wir kämpfen gegen Franco. Rumba la rumba la rumba la!
STIMME 3 / 4
(singen) Und wir kämpfen gegen Franco. Rumba la rumba la rumba la!
ALLE
(singen) Gegen Söldner und Faschisten. ¡Ay Carmela! ¡Ay Carmela! Gegen Söldner und Faschisten. ¡Ay Carmela! ¡Ay Carmela!
Musik rückt in den Hintergrund.
MARTHA
(ans Publikum) Mittag. Nur wenige Gehminuten von der Shoppingmeile entfernt liegt die Front. Der Park im Universitätsviertel ist zerfurcht von Schützengräben. Hier treffen wir erneut auf …
CAPA
¡Ernesto, amigo!
ERNEST
¡Capa, canalla! [Capa, du Halunke!]
Sie umarmen sich so wie sie denken, dass Männer sich umarmen.
CAPA
Das Stativ steht bereits. Dann gib sie mal her, die Filmkamera … (hebt an, schleppt sie)
Capa schleppt viel zu schweres Equipment durch den Schützengraben.
MARTHA
(zu Ernest) Wie viele Gefallen ist dir der arme Kerl denn schuldig?
ERNEST
Nun, er hat eine Schwäche fürs Spiel. Das ist Pech für ihn und Glück für mich und meine Doku.
MARTHA
(ans Publikum) Alle Soldaten haben sich für den Dreh in Schale geschmissen: Bunte Decken über den Maschinengewehren. Filmplakate über blutbespritzten Wänden.
ERNEST
(delegiert) Da rüber! Und aufpassen, das ist teuer …
MARTHA
Während Ernest seine Statisten herumscheucht, entdecke ich ein vertrautes Gesicht…
Musik endet. Concierge und Martha prallen unerwartet gegeneinander.
CONCIERGE
(ertappt) Señorita Gellhorn!
MARTHA
Jose? Was tun Sie denn …
Der Concierge kramt hastig etwas aus einem Umschlag.
CONCIERGE
(nervös) Oh, nada … Sie müssen wissen, Señorita, unsere Hotelgäste lassen ab und an ein paar Dinge zurück. Wenn sie mal früher abreisen. Oder wenn es sie ... bueno …
MARTHA
Sind das Schallpatten?
CONCIERGE
Sí, der gute Señor Williams hat uns eine exzellente Kollektion hinterlassen. Und da unsere Jungs hier Tage und Wochen mit Warterei verbringen, dachte ich … Aber das bleibt doch gewiss unter uns …
MARTHA
Sicher.
Er schaltet ein Grammophon an. Die Nadel kratzt über Vinyl. Wie zur Antwort klimpert das Piano plötzlich Ragtime.
CONCIERGE
(begeistert) ¡Muy bien! Señorita, hören Sie nur: Música americana!
Plötzlich pfeift ein Megafon über den Graben.
CAPA
Das scheint den Faschos da drüben nicht zu schmecken …
PROPAGANDA
(brüllt mit einem Megafon) ¡Viva el caudillo de España! ¡Nuestro caudillo! [Es lebe der Führer Spaniens! Unser Führer!]
CONCIERGE
Oh, no es nada. Früher oder später wird die Propaganda untergehen. Wahre Kunst jedoch wie la música wird für alle Ewigkeiten …
Knall – ein Gewehrschuss erwischt das Grammophon, das in tauend Teile zersplittert. Die Musik bricht jäh ab.
CONCIERGE
(sprachlos, dann) ¡Esos malditos hijos de puta! [Diese verdammten Hurensöhne!]
PROPAGANDA
(mit dem Megafon) ¡Viva Franco! ¡Arriba España! [Es lebe Franco! Hoch auf Spanien!]
CONCIERGE
(schreit) ¡Que te calles! [Halte die Fresse!]
CAPA
Nur die Ruhe. Da drüben versteht ohnehin niemand Spanisch. Alles Mauren. Francos Kanonenfutter.
PROPAGANDA
¡Viva el generalísimo de España!
CONCIERGE
(schreit) ¡Basta ya! [Es reicht!]
Der Concierge entriegelt ein MG und feuert eine Salve nach drüben.
CONCIERGE
(brüllt wütend; fasst sich dann wieder) Disculpe … Das bleibt bitte unter uns. Bei all dem Barbarismus nützt doch der beste Anstand nichts. Man muss auch seine Privatseiten ausleben, sonst werden Sie irgendwann ‚loca‘ – komplett verrückt.
Die Gegenseite erwidert mit knatterndem MG-Feuer. Unter dem Knallen setzt die Hintergrundmusik wieder ein von ¡Ay Carmela!.
CAPA
Kopf runter!
MARTHA
(duckt sich)
CONCIERGE
Bien, ich schlage vor wir brechen unverzüglich auf. – Vamos, Señorita. Señor Capa.
Eilige Schritte über Holzplanken. Sie machen sich davon.
MARTHA
Aber es geht doch gerade erst los!
ERNEST
Passt schon, Mookie. Haben genug im Kasten.
MARTHA
Aber …
CONCIERGE
No, no, no, Señorita. An einem so schönen Tag verlieren wir keine Americanos. Schadet nur der Moral … und der Wirtschaft.
Musik rückt wieder in den Vordergrund.
STIMME 3
(singt) Wir erstreben nur das eine. Rumba la rumba la rumba la!
STIMME 3 / 4
(singen) Wir erstreben nur das eine. Rumba la rumba la rumba la!
ALLE
(singen) Den Faschismus zu bekämpfen. ¡Ay Carmela! ¡Ay Carmela! Den Faschismus zu bekämpfen. ¡Ay Carmela! ¡Ay Carmela!
Musik rückt in den Hintergrund.
MARTHA
(ans Publikum) Abends im Hotel. Die Korrespondenten beginnen mit ihrer Arbeit.
Schreibmaschine klappert.
MARTHA
Die meisten lauschen den 5-Uhr-Nachrichten des Verteidigungsausschusses, übersetzen den Text in ihre jeweilige Landessprache und Ideologie …
Tippen endet und wechselt zu einem alten Morse Code.
MARTHA
… und ab damit an die Telefónica. Die Zensurbehörde und einzige Kommunikationsleitung raus aus der Stadt.
Morsecode endet.
MARTHA
Später dann in der Lobby: Journalisten aus den reichsten Ländern der Welt mit spanischen Mädchen aus den ärmsten Familien der Stadt. Oder wie Ernest sie nennt…
ERNEST
‚Putas de batalla‘. [Kampfhuren]
MARTHA
Hier läuft der Geschichtenerzähler zu Höchstformen auf.
ERNEST
(energisch) Da explodiert diese Granate so dicht neben uns, dass es uns die Ohren zwei Meter tief ins Hirn treibt. Martha will, dass wir uns ins Sicherheit begeben. Aber ich nur: ‚Nichts da, die Aufnahme ist Gold!‘ Ihr erstes Mal, müsst ihr wissen. Also vorne an der Front, meine ich. Eine waschechte Feuertaufe.
Die Musik kommt zum Ende.
1.5 Spanische Erde
Klack – ein Schalter. Ein Filmprojektor rattert.
ERNEST
Großartig, was Mookie? Die Totale im Schützengraben. – Und jetzt stell dir diesen Kommentar dazu vor …
Eifrig hackt er in seine Schreibmaschine.
ERNEST
(begeistert beim Tippen) „Und jeden Morgen hagelt es Damokles-Schwerter. Der Geruch von Tod in allen Gassen. Doch die Verteidiger von Madrid weichen nicht zurück. Durch ihr Blut weihen sie die spanische Erde.“
MARTHA
(lacht los)
ERNEST
Was?! Was ist denn?!
MARTHA
Das ist furchtbar pathetisch. Klingt fast wie … Propaganda.
ERNEST
Es wird Millionen Amerikaner in die Kinos locken! Die sollen endlich kapieren, wofür die Leute hier kämpfen. Die sollen die Brigade, die zweite Republik mit ihrem Geld zuscheißen. Das wird Leute mobilisieren, endlich was aus ihrem Leben zu machen.
Klick – wieder ein Schalter. Ernest packt die Filmrolle weg. Der Projektor geht aus.
MARTHA
Heute morgen vor dem Hotel hab‘ ich eine junge Mutter beobachtet. Wie sie über die Straße lief. Ihren kleinen Jungen fest an der Hand. Ich hab‘s nur aufblitzen sehen. Ein kleines Stahlstück von einer Granate – heiß und spitz – und der Junge hing auf einmal leblos da. Sie stand nur. Stand mitten auf der Gran Vía. Hielt seine Hand fest. Schaute. Und schaute. Und stand ohne Regung. Weil sie es nicht begreifen konnte. – Hinter ihr im Schaufenster hing ein Plakat: ¡Iros de Madrid! Verlasst die Stadt!
Er schnallt seinen Gürtel auf. Streift sich die Kleider ab.
ERNEST
Ja, alles Nada.
MARTHA
Laus, bitte. Nicht jetzt … Warum schreibst du nicht darüber, was hier wirklich los ist?
ERNEST
(raunt) Schreib du's doch, Mookie. Wo sind sie?! Deine ganzen Artikel, hm?
MARTHA
Ich bin dran. Brauche nur noch eine Quelle. – Und jetzt hör auf damit …
ERNEST
Du weißt nie, was der Morgen bringt … Krieg, Mookie, das heißt Religion. Opferblut. Die Leute müssen an was glauben. Sei es Vaterland, Muttererde, Heldensöhne. Irgendwas. Sonst drehen sie durch. – Wahrheit ist was für verdammte Philosophen. Ich bin Schriftsteller. Mich interessiert nur der Kampf. Unsere Revolte gegen das Nichts. Gegen tote Götter. Ist das nicht Poesie, Mookie?
MARTHA
Du bist widerwärtig …
Er drückt sie gegen die Wand.
ERNEST
(küsst sie immer wieder, lüstern) Geheiligtes Nada. Der du nichts bist im Nada …
MARTHA
Lass das …
ERNEST
Dein Nada komme. Dein Nada geschehe.
MARTHA
Ich warne dich …
ERNEST
Unser nichtsnutziges Nada gib uns heute.
MARTHA
Laus …
ERNEST
Denn nichts ist das Nada und die Nichtigkeit im Nimmermehr.
MARTHA
(holt aus)
Sie verpasst ihm einen Tritt in die Weichteile.
ERNEST
(jault auf) Aaaaaaaah …
Er sinkt auf die Knie.
MARTHA
Amen.
1.6 Nur eine Mätresse
Wechsel in den Hotelflur. Martha klopft gegen eine Zimmertür.
MARTHA
(nach einer Weile) Mr. Allen? Mr. Allen, sind Sie da?
Sie greift zur Klinke – die Tür schwingt quietschend auf …
MARTHA
(zu sich) Ow … Nicht abgeschlossen …
Sie betritt das Hotelzimmer. Jemand verstaut hastig eine Koffertasche.
MARTHA / CONCHITA
(erschrecken) Conchita! / Señorita Gellhorn!
MARTHA
(hastig) Verzeihen Sie, aber ich dachte, dass hier Paul Allen … Ich habe ihn seit Tagen nicht mehr in der Lobby gesehen und … (stutzt) Was tun Sie hier eigentlich?!
Wie zum Beweis, schüttelt die Angesprochene ein Kopfkissen aus.
MARTHA
(mit Nachdruck) Conchita?! … Conchita!
CONCHITA
(seufzt) Bien, machen wir ein Tauschgeschäft. Ein Geheimnis gegen ein anderes?
MARTHA
Gut.
CONCHITA
Ok, ich zuerst: Dieser wohlhabende Americano. Wie haben Sie's angestellt?!
MARTHA
Was angestellt?
CONCHITA
Na, ihn rumgekriegt.
MARTHA
Was?! – Ach nein, Ernest und ich sind nur Freunde.
CONCHITA
(lacht) Sí, claro.
MARTHA
Doch, doch. Wir haben uns vor ein paar Monaten in einer Bar kennengelernt. Key West. Florida. Er hat mir von Spanien erzählt. Dass er dort für die großen amerikanischen Zeitungen schreibt. Mich gefragt, ob ich mitwill. Weil ich auch Reporterin bin und …
CONCHITA
… weil Sie außerdem groß sind, blond und sehr hübsch …
MARTHA
Worauf wollen Sie hinaus?!
CONCHITA
Dieser Hemingway ist ein Prachtfang. So einer schließt dir die Tore zur Welt auf …
MARTHA
Es reicht. Ich bin dran: Paul Allen und Sie hatten ein Verhältnis?
CONCHITA
(prustet abfällig) Ni de coña. Als Zimmermädchen gibt es hier im Hotel nur allerlei zu tun. Alles zum Wohle unserer internationalen Gäste. Süßes Lächeln, übertriebener Akzent. – ¡Aquí está! [Da ist es!]
Sie zieht Geldscheine aus dem Kopfkissen. Zählt sie.
CONCHITA
Im Kopfkissen also. (zählt ab) Cincuenta - Cien - Doscientos [50, 100, 200] … Schauen Sie nicht so. Señor Allen ist mir ein kleines Sümmchen schuldig. Ich hole mir nur zurück, was mir zusteht. Plus Trinkgeld.
MARTHA
Wo ist er denn?
CONCHITA
Was weiß ich. Gäste, Prostituierte. Todo va y viene. Sie kommen, verschwinden wieder. Weil sie weiterziehen. Zu laut waren …
MARTHA
Möchten Sie mehr erzählen? Wir können uns an einem sicheren Ort treffen. Natürlich bleiben Sie als Zeugin anonym.
CONCHITA
Damit die mich auch kaltmachen?
Stopft die Geldscheine weg und geht auf sie zu.
CONCHITA
Für Sie ist das hier alles nur ein Detektivspiel. Dabei könnten Sie es sich leisten überall besseres zu sein … Ich dagegen, werde mein ganzes Leben festsitzen in dieser beschissenen Stadt. Wische Türklinken, lutsche Schwänze. Tue alles, um die Familia irgendwie durch die Woche zu bringen. Und dieser Akzent?! Glauben Sie, ich könnte es nicht besser? Aber hätte ich nur ein paar Peseten mehr in der Tasche, dann: ¡Adiós, bastardos! ¡Me piro a América! – Wir sind beide Mätressen, abhängig von diesen Idiotas. Nur dass Sie im Gegensatz zu mir die Wahl haben. Nutzen Sie diesen Ernesto so lange Sie ihn brauchen. Und wenn Sie's irgendwann geschafft haben und unabhängig sind – independiente – dann denken Sie an Frauen wie mich, die vielleicht nie eine solche Chance bekommen werden.
1.7 Einen Penny für die Wahrheit
Grammophon-Musik setzt ein: Der Anfang des Taro-Motivs. Aufblende: Eine brechvolle Kneipe. Stimmgewirr (auf Spanisch). Johlen. Gläser klirren.
CAPA
(trinkt Bier, nostalgisch) Und immer noch spielen sie dieselbe Platte. Abend für Abend für Abend … Ich hatte einen guten Freund. Mit dem saß ich hier sehr oft. Das Vinyl ist inzwischen so zerkratzt, dass … Warten Sie gleich kommt’s …
Die Musik stolpert – wiederholt einen Takt, wiederholt ihn erneut und bricht schließlich ab.
CAPA
Tja, Jammerschade. Ein wundervoller Song … (nippt an seinem Bier)
MARTHA
Nur um das klarzustellen: Ich hoffe, das hier ist kein Date oder so.
CAPA
(verschluckt sich) Oh nein. Ich will nichts von Ihnen.
MARTHA
Ok … Warum dann die Einladung?! Wir kennen uns ja kaum.
CAPA
Eben genau darum. Sie erinnern mich an jemanden. Sagen Sie, ‚Gellhorn‘ … das klingt nicht wirklich amerikanisch.
MARTHA
Mein Vater war deutsch-jüdischer Arzt. Er ist in die Staaten ausgewandert.
CAPA
Interessant. Ich habe auch jüdische Wurzeln. Allerdings aus Ungarn. Capa ist nur mein Künstlername. Eines Tages hab‘ ich beschlossen mir diesen amerikanischen Fotografen zu erschaffen. Weil sich meine Fotos dann besser verkaufen. Und siehe da: Sie verkaufen sich!
MARTHA
Und ihr wirklicher Name?
CAPA
Gibt’s nicht mehr. Nur noch Capa.
MARTHA
Verstehe.
CAPA
Und Sie?! Finde Sie sehen nicht aus wie eine Martha. Eher wie eine ‚Martotschka‘.
MARTHA
(lacht) Martotschka?! Ich weiß ja nicht …
CAPA
Ja, Sie haben so was leidenschaftlich Russisches. ‚Martotschka‘ – steht Ihnen gut.
MARTHA
Warum tun Sie das? Mich aufheitern?
CAPA
Kennen Sie das nicht?! Sie treffen jemanden und es fühlt sich so an, als würden sie sich bereits vertrauen.
Sie klappt ihr Zigarettenetui auf.
MARTHA
Wenn Sie mich so gut kennen, dann wissen Sie auch, dass ich hier völlig fehl am Platz bin.
CAPA
Ach Quatsch …
MARTHA
Nein, es war ein Fehler nach Spanien zu kommen. Ich bin hier zu nichts nütze.
Sie zündet sich eine Kippe an.
MARTHA
(raucht) In den Staaten hab‘ ich über die Depression geschrieben. Ein ganzes Buch, voll mit Artikeln. ‚The Trouble I‘ve Seen‘. Hab‘ einfach alles festgehalten, was ich sah. Kein Problem. Aber hier – seit Tagen kein einziger, geistreicher Satz. Nichts. Nada. Ich habe keine Ahnung vom Krieg. Von Schlachten. Strategien … Alles, was ich sehe, sind die Menschen auf der Straße. Wie sie ihr Leben bestreiten, trotz aller Widrigkeiten. Aber das ist doch keine Story.
CAPA
Sagt wer? Die Reporter-Pfeifen im Florida? – Passen Sie auf …
Er kramt nach einer Münze.
CAPA
Bei Zahl fahren Sie morgen zurück in die Staaten. Bei Kopf scheißen Sie auf deren Meinung und akzeptieren endlich, dass Sie eine Reporterin sind. Einverstanden?
MARTHA
(schnaubt) Das ist purer Zufall.
CAPA
Es gibt keine Zufälle. - Also? Was haben Sie zu verlieren?
MARTHA
(seufzt) Gut.
Er wirft und fängt die Münze routiniert.
MARTHA
Und? Wozu rät Fortuna?
CAPA
Kopf natürlich.
Sie springt auf. Greift nach seiner Münze. Eine kleine Rangelei. – Martha gewinnt.
MARTHA
Jetzt geben Sie schon her. Alberne Taschenspieler-Tricks … (betrachtet die Münze) Oh.
CAPA
Sehen Sie: Das Schicksal will, dass Sie hierbleiben und …
Er schnappt sich flink seine Münze zurück.
CAPA
… mir meine Münze wiedergeben.
MARTHA
Wissen Sie, Vater hat mit uns auch immer dieses Spiel gespielt. Es hieß: „Einen Penny für die Wahrheit“. Zuhause am Esstisch war es verboten Sätze anzufangen mit „X hat gesagt …“ oder „Y behauptet …“. Er wollte nicht, dass wir einfach nur nachplappern, was die Leute sagen. Wir durften nur über Dinge reden, die wir mit eigenen Augen gesehen oder selbst erlebt haben. Und wenn wir ihm etwas erzählt haben, das besonders interessant war oder ihn zum Lachen gebracht hat, dann gab‘s einen Penny dafür.
CAPA
Und wer hatte am Monatsende das fetteste Sparschwein?
MARTHA
Na raten Sie mal.
Er zückt erneut seine Münze.
MARTHA
(seufzt) Sie nerven allmählich damit …
CAPA
Prima. Bei Zahl sind Sie mich los. Bei Kopf tanzen wir eine Runde. Und danach schreiben Sie endlich ihren Artikel. Über die Leute hier in Madrid.
MARTHA
(gibt sie sich geschlagen) Gut, meinetwegen.
Er wirft und fängt.
MARTHA
Ach, lassen wir das.
Stuhlrücken. Martha steht auf und geht Richtung Tanzfläche. Flotter Tanzrhythmus setzt ein.
CAPA
Sie wollen’s nicht wissen?
MARTHA
Ich weiß es bereits. (auffordernd) Na was ist, Capa! Na, kommen Sie!
Das Piano trällert los. Charleston-Musik.
MARTHA
(nach einer Weile ans Publikum) Und ich schreibe wieder. Über das, was ich sehe, was mich bewegt. Scheiße auf die Meinungen der anderen und kable meine Texte rüber nach New York an die große Zeitschrift „Collier’s Weekly“. Prompt führen sie mich als ihre Korrespondentin auf. Der Bann ist gebrochen. Ich bin endlich keine Touristin mehr, sondern das, was ich sein will: Eine Kriegsreporterin.
2.1 Wem die Stunde schlägt
Stempel knallen mehrmals auf ein Pass‑Dokument.
MARTHA
Nach der Zeit in Madrid bereise ich die Kriegsgebiete Europas. Sammle so viele Passeinträge und Länder, wie ich nur kann. Der Journalismus wird für mich zum Passierschein. Endlich kann ich gehen, wohin ich will, wann ich will. Schreiben worüber ich will. Ein Erste‑Reihe‑Ticket im großen Spektakel ‚Zeitgeschichte‘.
Das Stempeln und die Musik enden jäh.
MARTHA
Aber auch mit über 30 Lebensjahren bist du nicht gefeit vor Dummheiten … Na los! (gibt der Musik ein Handzeichen)
Der Hochzeitsmarsch von Mendelssohn trällert los, bis es alle im Publikum kapieren.
MARTHA
(zur Musik) Ja, ja, ist gut. Ich glaube, alle haben’s verstanden!
Der Marsch wird abgewürgt.
MARTHA
(ans Publikum) Ernest hat so lange gebettelt bis ich „Ja“ gesagt habe. Nicht aus Liebe – aus Neugier. Weil ich wissen möchte, ob sie dich dann respektieren. Mit einem Ring am Finger. Weil ich Bücher schreiben will, die etwas verändern. Und wer könnte dir das besser beibringen als Ernest Hemingway. Ernest jedoch versucht mir das Fernweh auszutreiben, kauft uns eine Finca auf Kuba und verwandelt unser neues Zuhause in ein Museum aus Jagd‑Trophäen. Zum ersten Mal erlebe ich den Maestro bei der Arbeit an seinem Roman: „Wem die Stunde schlägt“. Merkwürdige Sache, die Ehe. Zwei Menschen beschließen, dass sie zu bestimmten Zeiten in bestimmten vier Wänden etwas Bestimmtes voneinander erwarten. – Ich merke ziemlich schnell, wie mich das erdrückt. Ich muss raus. Mich in die Welt stürzen. Denn meine Stunde hat noch nicht geschlagen.
2.2 Wiedersehen in Helsinki
Fliegersirenen heulen unheimlich durch die Gassen.
MARTHA
November 39. Helsinki.
Ein Gebäude brennt lichterloh. Kalter Wind lässt die Flammen fauchen. Zischendes Wasser – die Feuerwehr kämpft im Hintergrund gegen ein Inferno. Capa und Martha klettern über Berge aus Trümmern und Schutt.
CAPA
(beim Klettern) Martotschka, Martotschka. Immer da, wo die Scheiße am Dampfen ist. Oder sollte ich inzwischen sagen: ‘Mrs. Hemingway’?
MARTHA
(beim Klettern) Untersteh dich. – Warum hast du nie auf meine Briefe geantwortet?
CAPA
Wozu auch. Muss ein einsames Eheleben sein für den armen Ernest. So oft wie wir uns in irgendwelchen Kriegen begegnen.
MARTHA
Du nicht auch noch. Damit liegt er mir ständig in den Ohren.
Sie erreichen den Gipfel des Trümmerhaufens.
CAPA
Na bitte, von hier siehst du das Ausmaß: Die ganze Hochschule brennt wie Zunder. Da vorne liegt schon der erste. Ziemlich übel. – Besser wir machen ‘nen Bogen.
MARTHA
Ich schaue nie weg.
CAPA
Wäre aber gesünder. Manchmal.
MARTHA
Hey, wer die Wahrheit nicht verträgt, sollte keine Reporterin werden.
CAPA
Ganz wie du willst. Hier entlang.
Sie klettern nach unten. Bleiben abrupt stehen.
MARTHA
(betroffen) Oh …
CAPA
Ja …
Ein Wusch – alle Umweltgeräusche verstummen jäh. Wir sind dicht bei Martha.
MARTHA
(zu sich) Genau wie damals: Ein Körper. Restkörper. Körper‑Brocken. Rabenschwarz. Dampfend. Vollständig verbrannt. Kopf und Arme zu Asche zerfallen. Nur noch Beine. Beine wie Holzscheite. Mit dampfenden Sohlen. Der einzige Hinweis, dass das mal ein Mensch war. Genau wie damals. Madrid. Nicht mal drei Winter ist es her.
CAPA
Martotschka?!
Wieder ein Wusch – die Umweltgeräusche kehren zurück. Das brennende Gebäude.
CAPA
Alles in Ordnung?!
MARTHA
(sehr mitgenommen) Ja, alles … in Ordnung.
Capa beginnt Fotos zu schießen.
MARTHA
(nach einer Weile) Wann denkst du, hört das endlich auf?!
CAPA
Aufhören?! (lacht falsch)
MARTHA
Was?!
CAPA
Nichts. Es klang fast, als würdest du’s ernst meinen.
MARTHA
Wenn nur diejenigen, die die Bomben werfen und die, die es befehlen, mal hier unten wären … Sehen, würden wie das ist …
CAPA
Glaubst du wirklich, das hier …
Und damit durchblättert er die Seiten ihres Notizblocks.
CAPA
… wird je etwas ändern?
MARTHA
Muss es. Je mehr Menschen auf der Welt davon erfahren, desto größer die Chance.
Capa zieht etwas aus seiner Manteltasche.
CAPA
Siehst du das hier?! Meine kleine, private Fotosammlung.
Foto‑Klick.
CAPA
Der lag in Madrid. – Die Füße zu Staub zerfallen.
Foto‑Klick.
CAPA
Der in Wuhan. – Der ganze Unterleib nur noch Asche.
Foto‑Klick.
CAPA
Und der in Neapel – Nur noch der Kopf übrig.
Er klappt das Büchlein zu.
CAPA
Ich könnte ein ganzes Quartett befüllen. – „Es una cosa muy seria.“
MARTHA
Ein hartes Business.
CAPA
Exactamente.
Er packt Foto und Büchlein ein. innehalten
CAPA
Es wird nie aufhören, Martotschka. Niemals. Dafür mache ich diesen Job zu lange.
Er bricht auf.
MARTHA
(ruft ihm nach) Du glaubst doch nicht wirklich, alles was wir tun ist sinnlos?!
CAPA
(während er sich entfernt) Nur dass es sinnlos ist zu hoffen. Glaub mir, irgendwann erstickst du daran. – Wir sehen uns, Martotschka. Beim nächsten Angriff. Im nächsten Krieg. Uns werden die Konflikte schon nicht ausgehen …
Atmo endet.
2.3 Kuba-Exzess
Eine Klinge wird an einem Wetzstab geschärft. In der Kajüte eines kleinen Fischerbootes. Holz ächzt. Draußen: Leichter Wellengang. Möwen. Martha klettert eine Leiter herunter.
MARTHA
(klettert) Wusst‘ ich‘s, dass du auf deinem Boot bist. Laus, das ist nicht zu fassen!
ERNEST
Hm?!
MARTHA
Die haben mir abgesagt. Collier’s. Jahrelang hab‘ ich mich für die wundgeschrieben. Auf diese Invasion hingearbeitet. Und jetzt hör‘ dir das an.
Ernest beendet das Messerwetzen. Sie zückt einen Brief.
MARTHA
(liest) „Mai 1944. Sehr geehrte Mrs. Gellhorn Hemingway… bla bla bla… Wir bedauern zutiefst… bla bla bla… aber das US‑Militär erlaubt nur einen Korrespondenten pro Zeitschrift und wir haben unseren Spitzenplatz bereits vergeben.“
MARTHA
Sie zerknüllt den Brief.
MARTHA
Dieser beschissene Altherrenverein!
Ernest kippt einen Eimer mit Fischresten auf ein Schneidebrett. Von draußen: laut werdendes Miauen – ein Dutzend Babykatzen entert das Schiff.
ERNEST
(schmollend) Freut mich auch dich wiederzusehen, Darling.
Tschak. Tschak … – Er zerhackt die Reste. Gräten knirschen. Fleisch glibbert.
ERNEST
Wo warst du die letzten Nächte?!
MARTHA
Ach, Havanna. Frischluft schnappen. – Apropos, das stinkt bestialisch!
Zahlreiche kleine Pfötchen tapsen die Leiter herunter. Die Katzen betteln laut nach Futter.
ERNEST
Fischreste für die Katzen.
Er verteilt das Gekröse in Näpfe.
ERNEST
(zu den Katzen) Ja doch, ja, ihr kriegt gleich was. – Wenn auch nicht alles auf einmal. Müsst ja was zu beißen haben, wenn ich weg bin. Na?
MARTHA
Schon wieder U‑Boot‑Jagen? Als ob du je einen Nazi vor die Harpune kriegst.
ERNEST
Und ob ich das habe. Aber du warst ja nicht hier.
MARTHA
Laus, lass das Schmollen. – Bitte, ich brauch deine Hilfe bevor du morgen ablegst. Der Chefredakteur von der Times …
ERNEST
Nichts da.
MARTHA
Aber ihr kennt euch. Du hast seine Privatnummer. Nur ein Anruf. Vielleicht haben die ja noch Platz für mich.
ERNEST
Mookie, jetzt akzeptiere, dass es einfach mal nicht klappt.
MARTHA
Laus, bitte, bitte. – Du willst doch auch, dass deine Ehefrau glücklich ist. Frei.
ERNEST
Ach ja?! Sechseinhalb Monate. Ständig Briefe, dass du zurückkommst. Dann doch nicht, dann vielleicht, dann wieder nicht … – Und jetzt? Zwei Wochen. Nicht mal zwei Wochen hältst du’s aus hier auf Kuba!
MARTHA
Ich weiß doch, Laus. Gelobe Besserung. Aber die Invasion ist nun mal jetzt.
ERNEST
Schluss damit! Ich werde nicht anrufen.
Er schrubbt sein Messer in einer Wasserschale sauber. Räumt alles auf.
MARTHA
(schnaubt) Seit du das letzte Buch fertig hast, weißt du nichts mit dir anzufangen! Du trinkst und trinkst und bist ständig betrunken.
ERNEST
Du willst Vorwurfskarussell spielen?
MARTHA
Ich will, dass du endlich wieder rauskommst!
Ernest packt die Eimer und Näpfe und klettert beladen die Leiter hinauf. Auf dem Oberdeck: Seewind. Leichter Wellengang. Taue knarzen. Möwen. Die Katzen folgen.
MARTHA
Du musst zurück nach Europa. Über das schreiben, was alle angeht. Ein paar Nazis jagen. Aber echte, keine Phantome. Alles besser als diese Armada hier zu züchten. – Katzen mit sechs Zehen an der Pfote.
ERNEST
Polydaktylie.
MARTHA
Es sind Mutanten! Letzten Sommer waren‘s erst zwei. Und jetzt?
ERNEST
Die Seeleute schwören drauf. Sollen Glück bringen. Widersprechen nie. Sind da, wenn man sie braucht. (schreit die Möwen an) Jetzt schert euch weg, ihr Drecksmöwen!
Heftiges Flattern. Die Katzen haben allmählich aufgefressen.
MARTHA
Laus, ich weiß nicht, wie ich’s dir klarmachen soll. Ich halt‘s nicht aus hier herumzusitzen, während sie in Europa um alles kämpfen. Diese Invasion – das ist vielleicht das größte Ereignis, über das ich je in meinem Leben schreiben werde.
ERNEST
Die vergangenen zwei Wochen habe ich mich einsamer gefühlt als das letzte halbe Jahr in deiner Abwesenheit. Du vögelst dich durch die Stadt. Versprichst Nähe und bist doch nie da. – Ich bin dir keinerlei Gefälligkeit schuldig.
MARTHA
So ein Raubein bist du nicht. Nur weil du ständig den Leuten diese Kruste vorführst, deine Gefühle versteckst, nicht ertragen kannst, dass deine Ehefrau etwas Sinnvolles mit ihrem Leben anstellt, während du dich hier zu Tode säufst in deinem …
Er verpasst ihr eine Ohrfeige.
MARTHA
(getroffen vor Entsetzen, dann) Das darfst du nicht … Nie, niemals …
ERNEST
Ach ja?! Ich bin der Mann, du die Frau. Die Frau, die sich morgen um Haus und Katzen kümmert, während ich in den Flieger steige.
MARTHA
Du fliegst? Wohin?
ERNEST
New York. England … und dann zum D‑Day.
MARTHA
Was?!
ERNEST
(brüllt zu den Möwen) Ihr sollt euch verpissen!!! – Drecksmöwen.
Hecktisches Flattern. Ernest sammelt die Näpfe ein.
ERNEST
Du siehst, Mookie, ich folge längst deinem Rat. Habe mich beworben und wurde genommen. – Bei Collier’s. Ja, ganz recht: Dir haben sie abgesagt, weil sie mir zugesagt haben.
MARTHA
Die haben dir … ?!
ERNEST
Und jetzt schau es dir an: Blitzblank leergefuttert, die kleinen Fressmäuler. – Hier.
Er drückt ihr Näpfe und Eimer in die Hände.
ERNEST
Wisch die Näpfe sauber, ich muss packen. Denk dran: Zwei Mahlzeiten täglich. Und wenn dich meine leeren Whisky‑Flaschen stören, fühle dich frei aufzuräumen.
Atmo endet.
2.4 Dynamitschiff
MARTHA
(ans Publikum) Ernest nimmt einen der letzten Flieger rüber nach Großbritannien. First Class. Flugzeit sieben Stunden. Und ich? – Verdammt, ich lasse mir diese Invasion nicht nehmen! Über meine Kontakte bekomme ich den einzigen und letzten Passagierplatz auf einem Schiffskonvoi, der Munition über den Atlantik schippert. Die Überfahrt dauert 18 Tage. Ein Fischkutter ohne Rettungsboote, beladen mit hunderten Tonnen Dynamit. – Ach, scheiß drauf …
Aufblende: In einer Schiffskabine auf hoher See. Alles schwankt. Die Turbinen dröhnen dumpf.
MARTHA
Aufwachen. Danken, dass wir noch nicht explodiert sind. Es bräuchte nur einen winzigen Funken. Was gäbe ich jetzt für eine Zigarette!
Wechsel aufs Deck. Peitschende See. Ein Nebelhorn hallt gespenstisch.
MARTHA
Kreise drehen auf Deck.
MATROSE 1
(grüßt sie) Morgen, Mrs. Hemingway.
MATROSE 2
(grüßt sie) Morgen, Mrs. Hemingway.
MARTHA
Ausschau halten. Nach dem Horizont. Einem anderen Schiff. Irgendwas, woran sich der Verstand festbeißen kann. Aber da ist nur Nebel. Immer nur Nebel.
Wieder unter Deck.
MARTHA
Mittags Visite beim Captain. Die üblichen Kommentare.
CAPTAIN
Zickzack heute. Wegen der deutschen U-Boote.
Sie tippt auf ihrer Schreibmaschine.
MARTHA
Abends vor der Schreibmaschine: „Liebster, wenn unsere Beziehung ein Film wäre, wie gerne würde ich ihn zurückspulen. Nochmal auf Anfang. Du und ich in Key West. Alles neu. Alles zum ersten Mal …“
Martha reißt das Blatt aus der Schreibmaschine und zerknüllt es.
MARTHA
Schlafen. Wieder aufwachen. Fluchen, dass wir immer noch nicht explodiert sind. Es bräuchte nur einen winzigen Schlag. Teufel, was gäbe ich jetzt für eine Zigarette!
Wechsel aufs Deck.
MARTHA
Kreise drehen.
MATROSE 1
(grüßt sie) Morgen, Mrs. Hemingway.
MATROSE 2
(grüßt sie) Morgen, Mrs. Hemingway.
MARTHA
In den Nebel starren. Nur Nebel. Immer nur Nebel.
Wieder unters Deck.
MARTHA
Der Captain schon wieder …
CAPTAIN
Zickzack heute. Wegen der Liberty Schiffe.
Sie tippt wütend auf ihrer Schreibmaschine.
MARTHA
„Liebster, wenn unsere Beziehung ein Film wäre, wie gut und gerne würde ich ein Streichholz dranhalten. Welch fulminantes Feuerwerk …“
Martha zerknüllt das Papier.
MARTHA
Schlafen. Verdammt sein aufzuwachen. Wenn ich nur eine Zigarette hätte. Eine kleine Zigarette und alles wäre vorbei. – Nicht mehr aufs Deck gehen. Unerträglich dieses …
MATROSE 1
(grüßt sie) Morgen, Mrs. Hemingway.
MATROSE 2
(grüßt sie) Morgen, Mrs. Hemingway.
MARTHA
Im Nichts festhängen. Nebel. Immer nur Nebel.
Sie tippt auf ihrer Schreibmaschine.
MARTHA
„Liebster, wenn unsere Beziehung ein Film wäre, wird mir schlecht beim Zuschauen. Ich bin es satt mich in die Rolle der Ehefrau drängen zu lassen. Teufel. Das ist mein Leben. Ich will atmen können. Frei sein. Das Leben auskosten, bis ins Mark.“
Sie zieht das Blatt aus der Schreibmaschine.
MARTHA
Schlafen. Viel zu spät aufwachen. Wieder der Captain.
CAPTAIN
Zickzack heute. Wegen der Eisberge.
MARTHA
Eisberge?
Wechsel aufs Deck. Die Weite des Meeres. Diesmal kein Nebelhorn.
MARTHA
Tatsache. Der Nebel hat sich gelichtet. In der Ferne kann ich sie erkennen: Der eine wie eine weiße Taube aus Eis, die tot auf dem Wasser treibt. Dahinter ein Streifen.
CAPTAIN
Die Küste Englands. Da sind wir also, Mrs. Hemingway.
MARTHA
Gellhorn. Verzeihung, aber ich muss darauf bestehen. – Ich heiße Gellhorn.
Atmo endet.
2.5 Turban steht dir
Sprung in eine brechendvolle Londoner Kneipe. Ausgelassene Stimmung. Bier im Übermaß. Ein Soldatenlied trällert los [„We are gonna hang out“ von Jimmy Kennedy].
STIMME 1 – 4
(schmettern / jaulen im Chor) We're gonna hang out the washing on the Siegfried Line, | Have you any dirty washing, mother dear? | We're gonna hang out the washing on the Siegfried Line, | 'Cause the washing day is here. | Whether the weather may be wet or fine, | We just rub along without a care! | We're gonna hang out the washing on the Siegfried Line, | If the Siegfried Line's still there!
Musik und Atmo rücken in den Hintergrund.
MARTHA
(ans Publikum) Ankunft in London. Die Korrespondenten begießen die anstehende Invasion. Ich höre von meinem Ehemann und seinem Unfall auf dem nächtlichen Heimweg. Die Kurzfassung: Mehrere Flaschen Whisky und ein stählerner Wassertank, der sich – ohne sich von der Stelle zu rühren – heimtückisch vors Auto wirft.
Reifen quietschen. Kawumm! – Ein Wagen kracht scheppernd in eine Blechwand. Atmo und Musik stoppen jäh.
MARTHA
Der brillante Schriftsteller‑Schädel zieht den Kürzeren.
Ein EKG piepst überdeutlich.
MARTHA
48 Nadelstiche später treffe ich ihn in einer Londoner Klinik. Den Kopf gehüllt in einen Turm aus Verbänden. (beginnt zu kichern)
Das EKG rückt in den Hintergrund.
Ein Krankenzimmer in einer Londoner Klinik. Klappriges Bettgestellt. Deckenrascheln.
ERNEST
Mookie, du hier?! Wie zum …
MARTHA
(lacht schadenfroh)
ERNEST
Was denn?! Was ist so witzig, hm?
MARTHA
(fängt sich mit Mühe) Einen schicken Turban hast du ...
ERNEST
Lach nur, Mookie. Als Ehefrau bleibst du unübertroffen.
MARTHA
(übertrieben fürsorglich) Aber, aber Darling. Ist doch nur eine Fleischwunde.
Sie will den Turban berühren. Ernest zuckt zurück.
ERNEST
Nicht anfassen!
MARTHA
Roter Lippenstift am Verband. – Von dem Fräulein, dass mir gerade entgegenkam? Wie heißt sie doch gleich?
ERNEST
(will antworten)
MARTHA
Sag nichts … Mary Welsh. – Jung. Blond. Reporterin. Genau dein Typ.
ERNEST
Mookie, was willst du?! Kommst über den großen Teich, nur um deinen Ehemann, der fast draufgegangen wäre, zu demütigen?
MARTHA
(plötzlich sehr scharf) Warum Collier’s? Jede Zeitung. Jedes Schmierblatt. Die beschissene New York Times. Alle hätten dich genommen. Alle reißen sich um den weltberühmten Schriftsteller. Ernest fucking Hemingway. Ich meine, Collier’s. Das ging dich immer einen Dreck an. Und wag es zu behaupten, das sei aus Rücksicht geschehen vor dem Kollegen der Times. Alle werden berücksichtigt. Alle, außer deine Scheiß Ehefrau!
ERNEST
Darum die Überfahrt? Um mir das in mein zerstampftes Hirn zu brüllen?
MARTHA
Ich will die Wahrheit hören, Ernest. Ich kann nicht ohne.
Ernest zieht sich mühsam im Krankenbett hoch.
ERNEST
(richtet sich auf) Dann finde dich ab mit der Wahrheit: Die Pressestelle der US‑Army gestattet keine Frauen an der Front. In wenigen Tagen rücken wir aus. Ich vorne mit dabei, während du hier in London versauerst. Du wirst hier nicht gebraucht, Mookie.
Atmo endet.
2.6 Blinde Passagierin
Eine Tür wird überdeutlich verriegelt. Wir sind in einer winzigen Bordtoilette. Schiffsturbinen wummern. Die Spülung tropft. Martha schraubt einen Flachmann auf.
MARTHA
(trinkt viel zu hastig, um die Nerven zu beruhigen; prustet und übergibt sich beinah)
Martha kippt den Rest der Flasche aus und betätigt die Klospülung.
MARTHA
(keucht, ringt nach Luft)
Sie zieht ihren Notizblock und kritzelt drauf los.
MARTHA
(beruhigt sich allmählich) 6. Juni 1944. Später Abend. Ich habe mich auf der Bordtoilette eines Lazarettschiffs versteckt. Heute Morgen war ich noch auf der Pressekonferenz, als sie gesagt haben, dass es los geht: Die große Invasion. Der Vater aller D-Days. Den ganzen Tag über habe ich Menschen auf der Straße interviewt. Nur um irgendetwas zu tun. Um nicht verrückt zu werden, während die anderen vorne an der Normandie-Küste kämpfen … Ich habe es nicht ausgehalten. Bin rausgefahren zu den Docks. Habe den Wachposten vorgegaukelt, dass ich eine Reportage schreibe über die Krankenschwestern hier an Bord und mich so auf dieses Schiff geschmuggelt … Und jetzt … sind wir tatsächlich ausgelaufen. Vor Richtung Omaha Beach. Es gibt kein Zurück mehr …
Sie entriegelt die Tür und tritt hinaus. Auf dem Oberdeck peitscht ihr der Wind entgegen. Das Meer rauscht und brodelt.
ÄRZTIN
(rauchend) Guten Morgen, Schwester. – Sind Sie okay?
MARTHA
Ja, Frau Doktor, alles … in Ordnung.
ÄRZTIN
Kam eben die Meldung rein: Die beiden Lazarettschiffe vor uns sind wohl auf Minen gelaufen. Aber aller guten Dinge sind … Sie wissen ja.
In der Ferne grollt die Artillerie. Explosionen dicht neben dem Schiff, sodass Fontänen aufspritzen. Das Stampfen der Schiffskolben schwillt an zum Lärmorchester.
MARTHA
(ans Publikum) Und plötzlich sind wir mittendrin: Die Invasionsflotte. Es kann einfach nicht sein. Es ist unmöglich, dass es so viele Schiffe gibt. Der größte Marinestau der Geschichte. Eine gigantische, schwimmende Stadt, die hier vor der Normandie ankert. Hunderte Zerstörer, Transporter, Schlachtschiffe und Landungsboote. Sperrballons, so weit sich der Himmel erstreckt.
Die Musik ebbt ab. Ein Flaschenzug surrt überlaut. Alle hantieren mit Tragen.
ALLE
(keuchen, schleppen Verwundete auf Bahren)
MARTHA
Dann bringen sie die ersten Verwundeten an Bord. Uns bleibt keine Zeit mehr zum Nachdenken. 4 Ärzte, 6 Krankenschwestern, 14 Pfleger … und 400 Verwundete.
STIMME 1
Schwester!
MARTHA
Ja?
STIMME 1
Einen Schluck Wasser für den Jungen.
STIMME 2
Schwester!
MARTHA
Ja?
STIMME 2
Den Knieschuss runter in den OP.
STIMME 4
Schwester!
MARTHA
Ja?
STIMME 4
Die Plasmaflasche überwachen.
ÄRZTIN
Schwester!
MARTHA
Ja?
ÄRZTIN
Machen Sie sein Bein frei.
MARTHA
Ja, Frau Doktor.
Stoff wird aufgerissen.
PATIENT 1
(keucht)
ÄRZTIN
Die Stiefel aus. Etwas Tempo!
MARTHA
(zum Patienten) Ok, Achtung …
Martha zerrt an den Schuhen.
PATIENT 1
(kreischt) Aaaaaaaah!! Scheiße, Ma’am, Sie reißen mir den gottverdammten Fuß aus!
ÄRZTIN
Himmel, sehen Sie denn nicht: Das Bein dieses Mannes ist fast abgetrennt.
MARTHA
(immer panischer) Ich kann das nicht. Ich kann das einfach nicht …
ÄRZTIN
Natürlich können Sie …
MARTHA
Nein, bitte … Ich kann das wirklich nicht. Wissen Sie ich … (hyperventiliert)
ÄRZTIN
Ruhig, beruhigen Sie sich. Durchatmen … Ein und wieder aus. Ein und aus …
MARTHA
(beruhigt ihren Atem)
ÄRZTIN
So … Kommen Sie mit mir. Ich brauche Sie auf dem Sanitätsboot.
2.7 Omaha Beach
Ein Boot pirscht sich vorsichtig durchs Nebelmeer. In der Ferne heult es mechanisch. Ein tickender Rhythmus setzt ein. Wie ein gespenstisches Metronom.
WILSON
Vorsicht. Nicht zu nahe an die Reling. Sehen Sie das, Doc?
ÄRZTIN
Klar und deutlich. Wie dutzende graue Zitronenscheiben.
WILSON
Nur ziemlich spritzig im Abgang. Verdammte Tellerminen.
ÄRZTIN
Und die Funkantenne da?!
WILSON
Von irgendeinem Panzer. Offenbar abgesoffen.
Martha kritzelt in ihr Notizbuch.
MARTHA
(ans Publikum) Auf unserem kleinen Sanitätsboot steuern wir vor Richtung Omaha Beach. Immer tiefer hinein in die Dämmerung. Wasser wie Teer. Voll mit Trümmern.
WILSON
Fuck, ich habe keinen Schimmer, wie wir hier je wieder rauskommen.
MARTHA
Der Krankenträger, der unser Boot steuert, heißt Wilson. Vor dem Krieg hat er in Liverpool ein kleines Reisebüro geleitet.
WILSON
‚Besuchen Sie die Normandie‘, haben Sie gesagt. ‚Soll schön sein im Sommer.‘ Die Kreidefelsen. Der gottverdammte Strand. Zum Verrücktwerden schön …
MARTHA
Doch der wahre Kopf unserer Acht‑Personen‑Sanitätsmannschaft ist die Ärztin. Nichts entgeht ihrem wachsamen …
ÄRZTIN
Sie sind keine Krankenschwester.
Das Stiftkratzen stoppt.
MARTHA
(stutzt) Bitte?!
ÄRZTIN
Ich sagte, Sie sind keine Schwester.
MARTHA
(zögert, dann) Warum haben Sie mich dann mitgenommen?
ÄRZTIN
Nun …
Notizbuchseiten rascheln.
ÄRZTIN
Was ist schon ein kleiner Nachruf auf so eine Rettungsaktion, wenn man eine ganze Reportage haben kann.
Der Rumpf schrappt über den Meeresgrund. Sie stoßen an die Küste.
WILSON / MARTHA
(zucken zusammen)
ÄRZTIN
Gute Arbeit, Mr. Wilson. Sie haben Ihn gefunden, den gottverdammten Strand.
WILSON
(betätigt die Luke)
Eine gewaltige Luke öffnet sich und klatscht ins Wasser.
ÄRZTIN
Also ‚Schwester‘. Gehen Sie uns zur Hand.
Sie heben eine Trage hoch. Laufen über eine Rampe ins Wasser. – Platsch! Wellen rollen über die Brandung.
WILSON / ÄRZTIN / MARTHA
(schleppen Tragen)
MARTHA
(ans Publikum) Ich klammere mich an die Trage, wie an einen Rettungsring. Wasser bis zur Taille. Um uns graue Säcke. Aufgebläht. Geschwollen. Sie tanzen vor und zurück. Im Pendelschlag der Brandung. Aber es sind keine Säcke, sondern Körper. Die Leichen hunderter Infanteristen, die zu früh ins Wasser sind.
Sie stapfen aus der Flut. Klettern über Geröllsteine die Küste hinauf. Das Rauschen der Brandung rückt in die Ferne. Laster und Bulldozer fahren vorüber. Das Ticken endet. Jemand öffnet eine Zeltplane. Sie stellen die Trage ab.
WILSON
Da wären wir: Der Verwundeten‑Platz.
Die Ärztin zündet sich eine Zigarette an.
ÄRZTIN
(raucht) Also wie besprochen: Ein Transporter pro Bergungsteam. Nur im geräumten Gebiet nach Verwundeten suchen! – Wilson.
WILSON
Doc.
ÄRZTIN
Sie schnappen sich unsere blinde Passagierin. Übernehmen den mittleren Abschnitt in diesem Strandsektor und …
Tschack – eine Kugel durchschlägt ihren Körper. Blut spritzt. Sie sackt zu Boden.
ÄRZTIN
(stirbt)
WILSON
Scheiße, runter! Runter!
Martha und er werfen sich in den Sand. MGs knattern. Kugelhagel.
WILSON
Schnell, die Kippe aus! – Die gottverdammte Kippe!
Er hämmert mit der Faust in den Sand, bis sie erlischt.
WILSON
Doc? Doc! … Scheiße, Heckenschützen. Die haben das Glimmen gesehen …
Weitere Geschosse hageln in den Sand. Sie robben sich vor in ein Versteck.
WILSON / MARTHA
(keuchen panisch)
Dann jähe Stille. Nur das Rauschen der Brandung in der Ferne.
WILSON
(schnieft / schluchzt)
MARTHA
Wilson?! Wilson, sind Sie ok?
WILSON
Riechen Sie das auch?! Es weht von den Hügeln runter. Der Geruch von Sommergras. – Ja, schön soll sie sein, die Normandie. In hunderten Jahren vielleicht wieder. Einer anderen Zeit. Wenn die Leute vergessen haben, wie viel Blut dieser Strand gefressen hat. Bah … (spukt Sand)
MARTHA
Soll ich Sie zurückbringen? Zum Boot?
WILSON
Nein … nein …
Er rappelt sich hoch. Klopft sich den Sand ab. Geht los. Das gespenstische Metronom‑Ticken setzt wieder ein.
MARTHA (ans Publikum) Uns bleiben zwei Stunden bis es uns die Gezeiten unmöglich machen, die Verwundeten abzutransportieren. Die Mission klingt auf dem Papier so einfach: Suchen, bergen und ans Ufer schaffen. Aber wie viele wohl da draußen liegen? Ein grausiges Spiel gegen die Kälte, die nächtlichen Luftangriffe, gegen die Zeit.
Schritte auf Metallboden. Eine Trage mit einem Verwundeten wird abgestellt.
PATIENT 1
(keucht vor Schmerzen)
WILSON
(erschöpft) Das war’s. Der letzte Verwundete.
MARTHA
Was ist mit der LKW-Fuhre dahinten?
WILSON
Die Flut geht bald zurück. Wenn wir hier aufsitzen, ist keinem geholfen.
MARTHA
Ein paar Minuten haben wir noch.
Der Laderaum ächzt und stöhnt wie auf einer übergroßen Fähre. Turbinen dröhnen.
PATIENT 1 – 2
(husten, stöhnen)
MARTHA
(ans Publikum) Unser Sanitätsboot ist inzwischen zum Bersten voll. Hunderte Körper auf Tragen. Pfützen aus Blut. Bleich schauen sie aus. Hilflos. Dazu verdammt, hier in diesem stählernen Walfisch zu warten … auf den Tod oder dass wir endlich ablegen.
Jemand packt sie an der Ferse.
MARTHA
(zuckt zusammen)
PATIENT 1
(schwach) Fräulein, bitte. Einen Schluck Wasser …
MARTHA
‚Fräulein‘ … Sie sprechen Deutsch?
Sie weicht zurück. Stößt dabei gegen eine andere Bahre.
PATIENT 2
(schreit auf) Ah, passen Sie doch auf, Fräulein!
MARTHA
Sie auch?!
PATIENT 2
Sie haben nicht etwa ein Messer? Ich will’s kurz machen. Bitte. Ich will in kein verdammtes Tommy-Gefängnis …
Martha hastet davon.
MARTHA
Wilson, wir haben ein Problem.
WILSON
Echt? Nur eines?
MARTHA
Die Verwundeten – die sprechen alle Deutsch.
WILSON
Heilige Maria Mutter Gottes …
Kawumm … Ein gewaltiges Donnern, das zwischen den Wänden brachial widerhallt. Metall ächzt. Als würde sich der Laderaum verbiegen. Das Schiff heult wie ein Stahlungeheuer. Das Metronom verwandelt sich in einen mechanischen Herzschlag. Er wird immer schneller.
PATIENT 1 – 2
(stöhnen)
MARTHA
(panisch) Scheiße, was war das?!
WILSON
Unsere Flak gibt Feuer.
MARTHA
Das heißt?!
WILSON
Dass die deutschen Bomber kommen. Welch Ironie: Ein alliiertes Sanitätsboot voll mit Krauts. Sollen sie uns doch treffen – die haben’s nicht anders verdient!
Kawumm. Martha stolpert los.
PATIENT 1 – 2
(stöhnen)
WILSON
(irre Richtung Decke) Ja, scheißt doch auf die Genfer Konventionen! Ballert eure eigenen Männer ins Jenseits! Zum Verrücktwerden ist das …
MARTHA
Ich muss raus hier ...
WILSON
(brüllt) Na los! Lasst sie regnen eure Bomben!
Kawumm.
MARTHA
(gehetzt zu sich) Halt suchen. Nur wo?! Alles brüllt. Brüllt im Kopf. Wie die Wände zittern. Kreischen. Gleich brechen Sie. Brechen und dann …
Kawumm.
MARTHA
Körper wie zuckende, zappelnde Fische. Die Welt: Ein einziges Gezittere …
Kawumm.
MARTHA
Fratzen. Taub vor Geschrei. Nur dieses Brüllen. Das Brüllen der Stahlwände.
Kawumm. Das Stampfen nun auf maximaler Lautstärke.
MARTHA
Sie zerquetschen uns. Wie eine Blechdose zerquetschen sie uns. – Die Leiter rauf. Rauf zur Brücke. – Luft. Luft!!!
Schlagartig Ruhe. Nur noch kalter Meerwind und das dunkle Grollen der Flakgeschütze.
MARTHA
(schnappt nach Luft) Der ganze Himmel brennt. Zerstückelt von Geschossen. Die gesamte Flak hinter uns speit aus allen Rohren. So grell, viel zu grell. Wir sitzen auf dem Präsentierteller. Zum ersten Mal erkenne ich den gesamten Küstenstreifen. Eine gigantische Müllhalde. Panzer, Jeeps, Munitionskisten. Und im Hintergrund: Die Ruinen eines Dorfes, von dem nur noch verkohlte Außenmauern stehen.
Aus der Ferne nähert sich Flugzeuge und werden immer lauter und bedrohlicher.
MARTHA
Alles flammt auf, zuckelt, versinkt dann wieder. Als würden sich hunderte Schatten zwischen den Trümmern verkriechen. Schutz suchen vor den brennenden Kometen, die über den Himmel jagen. Zwei davon. Zwei halten nun Kurs auf uns. Zwei Bomber, die uns in Stücke reißen wollen. Ich muss runter. Aber sie sind viel zu schnell …
Auf dem Lautstärke-Höhepunkt bricht das Fauchen ab. Jähe Stille.
MARTHA
(kurze Atempause) Ein Blitz. Und dann noch einer.
WILSON
Zwei Feuersäulen.
MARTHA
Zwei Einschläge.
WILSON
Die deutschen Bomber.
MARTHA
Abgestürzt.
WILSON
Nur wenige Meter neben uns.
MARTHA
In den Sand gekracht.
Die Atmo kehrt zurück: Der Meereswind. Das Grollen der Flakgeschütze.
WILSON
‚Besuchen Sie die Normandie-Küste‘, haben Sie gesagt.
MARTHA
‚Soll schön sein im Sommer‘, haben Sie gesagt.
WILSON
Scheiße mir reichts: Ablegen und dann nichts wie weg!
Stille.
3.1 Fuck You, Colonel
Schreibmaschinen‑Tippen.
MARTHA
Sehr geehrter Colonel Lawrence, wie Ihnen bekannt sein dürfte, werden derzeit sämtliche Korrespondentinnen vom Kriegsgeschehen ausgeschlossen. Und dies aus keinem mir anderen bekannten Grund, als dass wir Frauen sind. 19 Journalistinnen besitzen derzeit eine Presse‑Akkreditierung. Mindestens zwei – mich eingeschlossen – arbeiten seit nunmehr sieben Jahren als Kriegsreporterinnen. Und nun macht es uns dieser abstruse Missstand unmöglich, unsere drei Millionen Leserinnen und Leser in der Heimat mit umfassenden Nachrichten zu beliefern. Es ist überaus entwürdigend, um die Ausübung eines ehrbaren Berufes betteln zu müssen. Hochachtungsvoll! – Martha Gellhorn.
Tippen endet.
MARTHA
(zu sich) Und damit: Fuck you, Colonel.
Szenenwechsel in ein nobles Restaurant in London. Sanftes Pianoklimpern im Hintergrund.
KELLNERIN
Aperitif, die Dame?
MARTHA
Das gleiche wie der Herr.
KELLNERIN
Grouse Whisky. Kommt sofort.
Stuhlrücken. Martha setzt sich.
ERNEST
Mookie, was zum … Was machst du hier?
MARTHA
Gute Quellen. Meinten, dass ich dich hier antreffe. – Aber offen gestanden hätte ich dich kaum wiedererkannt. Gepflegter als an unserer Hochzeit will ich meinen.
ERNEST
Mookie bitte …
MARTHA
War’s spaßig mit deinem Fernglas vor der Omaha Beach?
ERNEST
Spar dir den Zynismus.
Ernest klatscht eine Zeitung auf den Tisch und blättert sie durch.
ERNEST
Ich hab’s gelesen. Du warst weiter vorne als alle anderen. Die einzige Frau an der Normandie‑Küste. – Chapeau! Und wir haben’s beide in dieselbe Collier‘s‑Ausgabe geschafft.
MARTHA
Aber nur du auf die Titelseite.
ERNEST
Mookie, nimm’s sportlich.
MARTHA
Großes Bild von dir. Reißerisch betitelt: „Der Weg zum Sieg“. Und – Überraschung – du bist mal wieder selbst die Hauptfigur. Der heroische Seemann Ernest Hemingway.
ERNEST
Lass uns endlich das alberne Kriegsbeil begraben. Du hast erreicht, was du wolltest. Wieder mal. – Was willst du hier?
KELLNERIN
Bitte sehr, die Dame.
Eis klirrt. Ein Glas wird abgestellt.
MARTHA
Ich dachte, es ziemt sich als deine Ehefrau, wenn ich mich verabschiede.
ERNEST
Was hast du jetzt wieder vor?
MARTHA
(nippt an ihrem Glas) Sie haben mich unter Arrest gestellt. Wegen meiner D‑Day‑Aktion. Ich soll über ein Trainingscamp berichten für junge Krankenschwestern. Meine Pressepapiere bekomme ich erst wieder, wenn diese jungen Mädchen ausgebildet sind – was Wochen dauern wird. Aber ich …
ERNEST
Wenn du willst: Ich habe einen guten Draht zu Colonel Lawrence und könnte ihn …
MARTHA
Ernest, lass mich ausreden.
ERNEST
Es tut mir leid, Mookie. Wirklich.
Er klatscht wieder die Zeitung auf.
ERNEST
Dein D‑Day‑Report übertrifft meinen um Längen. Du hast gekämpft, warst besser und hast trotzdem verloren. Und jetzt lass uns aufhören damit und …
KELLNERIN
(räuspert sich höflich) Verzeihen Sie, Sir, aber …
ERNEST
(zur Kellnerin) Nicht jetzt. (zu Martha) Mookie, ich möchte, dass es wieder so wird wie früher. Wir beide: Erste Reihe bei der Befreiung von Paris. Ein paar Krauts abknallen. Und später besaufen wir uns im Hotel. Na, wie klingt das für dich?
KELLNERIN
(räuspert sich erneut) Sir, Ihre Verabredung wartet vorne am Eingang.
ERNEST
Welche Ver …
KELLNERIN
Mrs. Welsh.
ERNEST
Ah.
MARTHA
So … Mary Welsh also …
KELLNERIN
Sie scheint sich unsicher zu fühlen, ob Sie …
MARTHA
Nein, nein, soll herkommen. Wenn sich mein Mann so für sie in Schale wirft. – (ruft) Kommen Sie her, Mary!
ERNEST
Nicht doch. Sie soll warten.
KELLNERIN
Sehr wohl, Sir.
ERNEST
Und richten Sie ihr aus, dass sich der Termin mit Martha leider in die Länge zieht.
KELLNERIN
Wie Sie meinen.
Die Kellnerin geht. Ernest stürzt seinen Whisky.
ERNEST
(trinkt das Glas in einem Zug)
MARTHA
Und wieder hast du’s getan.
ERNEST
Was?! Trinkst doch selbst wie ‘n Pferd.
MARTHA
Geflunkert hast du. – Nur weil es dir besser in den Kram passt. Nenn‘ es ‚Schriftstellertum‘. Ich nenne es ‚Lüge‘.
ERNEST
Was tut das denn jetzt zur Sache.
MARTHA
Ernest, ich will deiner Zukünftigen nicht länger im Wege stehen.
ERNEST
Wie redest du denn, Mookie. – Wir sind verheiratet!
MARTHA
Ich werde die Scheidung einreichen.
ERNEST
Du wirst was?!
MARTHA
Mach keine Szene. Das ist keiner deiner Romane.
ERNEST
Wie kaltherzig du das sagen kannst.
MARTHA
Keine Sorge, davor gab es zahlreiche schlaflose Nächte.
ERNEST
Und was ist mit Kuba?!
MARTHA
Ich weiß es nicht.
ERNEST
Alles, was wir uns aufgebaut haben?!
MARTHA
Ich weiß es nicht!
ERNEST
Und dein Job? Ohne den Namen Hemingway druckt dich keiner.
MARTHA
Du glaubst nicht ernsthaft, dass dein Name …
Ernest bäumt sich auf.
ERNEST
(in Rage) Wirst sehen, wie schnell dein kleiner, erbärmlicher Ruf wie ein Kartenhäuschen zusammenfällt!
Der Tisch kippt vornüber. Die Gläser gehen klirrend zu Boden. Schlagartige Stille im Restaurant. Die Musik stoppt.
KELLNERIN
(räuspert sich) Sir, dürfte ich Sie bitten …
ERNEST
(brüllt) Schnauze!
KELLNERIN
Also wirklich!
Martha klappt ihr Etui auf und zündet sich seelenruhig eine Zigarette an.
MARTHA
(raucht mit zitterndem Atem)
ERNEST
(raunt bedrohlich) Nun, Mookie, wie gedenkt die brillante Schriftstellerin aus St. Louis, Missouri, 35 Jahre alt, noch nichts von Welterfolg zu Papier gebracht, mit ihrer armseligen, nur das Gegebene beschreibenden Fantasie diese Szene aufzulösen?
MARTHA
(sehr ruhig, während sie raucht) Du hast mich nicht ausreden lassen. Ja, es stimmt, dass ich unter Arrest stehe. Aber ich bin bereits ausgebrochen. Glaubst du, mich hindert ein kleiner Maschendrahtzaun und dass die meine Papiere haben? Und nein, ich gedenke nicht ohne Presseausweis nach Frankreich zu gehen. Die maskuline US‑Propaganda‑Scheiße hier kann mir gestohlen bleiben.
Schnippt ihre Zigarette weg und steht auf.
ERNEST
(zischt) Ohne Pass, ohne Mann, ohne Zuhause bist du verloren.
MARTHA
Leb wohl, Ernest. Es braucht wirklich ein ungeheures Genie, um einen so abscheulichen Charakter zu kompensieren.
Sie geht Richtung Ausgang – hält dann jedoch inne.
MARTHA
(zur Kellnerin) Ach, Ma’am, würden Sie eine Nachricht an Mrs. Welsh ausrichten?
KELLNERIN
Sicher, Ms. Gellhorn.
MARTHA
Sagen Sie ihr: Der Tischplatz neben meinem Mann ist soeben freigeworden.
3.2 Balagan
Vierziger Jahre Schlager setzt ein, voll von Sehnsucht.
STIMME 3
(singt) You said farewell, | went on your way. | We’ll meet again somewhere, | on a bright summer day.
MARTHA
(ans Publikum) Ein Sommer zum jung fühlen. Und das Leben rauscht herrlich umeinander. Ich bin nach Italien geflogen. Hangle mich weiter von Schauplatz zu Schauplatz. Ohne Pressepapiere komme ich daher wie ein fahrender Witz. Doch die Jungs der Achten Armee nehmen’s mit Humor. Wir brettern die staubige Adria‑Küste hinauf. Vorbei an Staub‑Dörfern. Feldern, auf denen tote Staub‑Kühe sprießen.
Wieder holpert ein Geländewagen. Sand prasselt gegen die Windschutzscheibe.
JONA
‘Balagan’.
MARTHA
‘Balagan’?
JONA
Nein, nein: ‘Balagan’.
MARTHA
Balagan …
JONA
Ja, sehr gut! So nennen wir das bei uns in der Heimat. Ein einziges Chaos!
MARTHA
(ans Publikum) Das Staubgesicht neben mir heißt Jona. Er ist 23. Jüdisch. Mit Augen, so türkiesblau wie die Adria. Er gehört der polnischen Brigade an. Sie nennen sich …
JONA
… die Carpathian Lancers. Weil wir über die Karpaten sind, als die Deutschen Polen überfallen haben. Unsere Kavallerie hat sich in Syrien gebildet. In Ägypten sind wir dann von Pferden auf Panzer umgestiegen. Und jetzt kämpfen wir uns den Stiefel hinauf. – Ein ziemlich langer Weg bis zurück nach Hause.
Wechsel in den sommerlichen Abend. Grillenzirpen. Ein Lagerfeuer prasselt.
MARTHA
(ans Publikum) Fünf Jahre sind die meisten hier schon unterwegs. Wissen nichts über ihre Angehörigen. Und am Lagerfeuer füllen sie ihre Gesänge mit Erinnerungen.
Musik wechselt zur zweiten Strophe.
STIMME 3
(singt) The roses you gave me, | Long withered away, | But I am still waiting | For that bright summer day.
Musik klingt aus.
MARTHA
Es ist schrecklich im Spätsommer zu sterben, wenn du jung bist, jahrelang gekämpft hast, weißt, dass der Krieg bald vorüber ist. Darum krallst du dich an allem fest, was gut ist, bunt und schön.
Wellen rauschen. Sie stehen an der Küste der Adria.
JONA
Bereit, Marty?!
MARTHA
Du willst Händchen halten?!
JONA
Na, wenn wir draufgehen, dann doch bitte zu zweit.
MARTHA
Du meinst doch nicht …
Er nimmt ihre Hand.
JONA
Komm schon. Das Leben ist zu kurz, um sich ständig Sorgen zu machen. – Na los!
Sie klettern los über Kiesgeröll.
MARTHA
(ans Publikum) Die Deutschen haben Italien in ein gigantisches Minenfeld verwandelt. – Wie zwei Tänzer hüpfen wir auf Zehenspitzen über den Strand bis vor ans Ufer.
MARTHA / JONA
(springen)
Platsch – sie springen ins Wasser. Wellen brechen sich.
MARTHA / JONA
(schwimmen, prusten, lachen)
JONA
Scheiße ist das kalt …
MARTHA
Was grinst du so, du Schelm?!
JONA
Es ist lange her …
MARTHA
Jona, ich bin zwölf Jahre älter als du. – Und immer noch verheiratet, wohlbemerkt.
JONA
Na und?! Ich bin auch verheiratet. Es reicht doch, dass ich jeden Tag an sie denke, sie liebe, vermisse. – Aber heute ist einfach nur heute.
MARTHA
Das führt zu nichts.
JONA
Na gut.
MARTHA
Was, na gut?!
JONA
Dann führt das eben zu nichts. Na und?
MARTHA
Du bist viel zu hübsch und zu blond, weißt du das?!
JONA
(lacht)
Die Brandung rückt in den Hintergrund. Granaten pfeifen wie ein kleines Feuerwerk. Der Schlagerrhythmus wird wieder präsenter.
MARTHA
(ans Publikum) Ein Sommer zum jung fühlen. Und das Leben rauscht herrlich umeinander. Unbeschwert. Naiv. Wie zwei Menschen eben, die Sex haben auf einem harten Kiesstrand zwischen lauter Minen, während Granaten über den Himmel pfeifen. Alle sehnen sich nach dem Ende des Krieges. – Alle, bis auf mich.
Atmo und Musik enden.
3.3 Dachau
Regen prasselt auf ein Dach. Kalter Wind heult durch ein Lager. Militärfahrzeuge fahren vorüber.
MARTHA
Mai 45. Deutschland.
ZEUGE
(nach einer Weile, ausdruckslos) Es ist niemand mehr übrig … Sie sind tot. Alle.
DOKTOR
(sehr ruhig) Dieser Mann, Mrs. Gellhorn, kam mit dem letzten Güterzug aus Buchenwald hierher nach Dachau. Es sind fast alle darin verhungert. Ab und zu haben die Bewacher in die Waggons geschossen, damit der Lärm aufhört. (zum Zeugen) Ich danke Ihnen, Sie können jetzt gehen.
ZEUGE
Gehen? Wohin, Doktor?
MARTHA
(ans Publikum) Von dem Überlebenden ist kaum mehr übrig als ein Skelett. Wie die meisten im Lager hat er kein Gesicht mehr. Ist völlig ausdruckslos. Alterslos. Nur noch Knochen, die durch die Haut schneiden. – Ich bin dahin gekommen, wo es am dunkelsten ist. Nach Dachau, das von der 7. Armee vor wenigen Tagen befreit wurde. Eine Todesfabrik, in der du als Mensch am Morgen angeliefert werden konntest und abends ist deine Kleidung bereits frisch verpackt und deine Asche verstreut … Ein anderer Überlebender, ein polnisch-jüdischer Arzt, hat sich bereiterklärt mich durchs Lager zu führen. Er hat nur noch vier Zähne. Die anderen sind ihm von einem Wärter ausgeschlagen worden. Ich weiß nicht, wie er es geschafft hat an diesem Ort fünf Jahre durchzuhalten. Sein Geist scheint ungebrochen …
Der Doktor schenkt einen Becher voll.
DOKTOR
Schluck Wasser, Mrs. Gellhorn?
MARTHA
Nein … Ja …
DOKTOR
Sie sind sicher, dass Sie das Nachfolgende hören möchten? Die volle Wahrheit ist nicht immer …
MARTHA
Bitte. Fahren Sie fort.
Er klappt eine Akte auf.
DOKTOR
(sehr ruhig, sachlich) Hier in Dachau haben die Nazis viele Experimente durchgeführt. Die Wehrmacht wollte angeblich herausfinden, wie lange es ein Flieger in großer Höhe aushält. In einem geschlossenen Wagen haben sie also den Sauerstoff abgepumpt. Im Regelfall hat es nie länger als 15 Minuten gedauert. 800 Gefangene wurden auf diese Weise hingerichtet. Man fand heraus, dass über 11.000 Meter Höhe kein Mensch ohne Sauerstoffmaske überlebensfähig ist.
MARTHA
Verstehe.
Der Doktor blättert weiter.
DOKTOR
Bei einem anderen Experiment wollte die Wehrmacht angeblich herausfinden, wie lange ein Pilot im Eismeer durchhält. Die Gefangenen mussten in großen Fässern stehen, bei denen das Wasser bis zum Hals reicht. Es hat 600 Gefangene das Leben gekostet. Man fand heraus, dass bei minus 8 Grad Wassertemperatur der Mensch zweieinhalb Stunden überlebensfähig ist.
Er klappt die Akten zu.
DOKTOR
Vielleicht wollen wir besser an die frische Luft gehen und …
MARTHA
Nein. Bitte, fahren Sie fort … Sagen Sie, dieses Geräusch, als wir vorhin den Zellenblock passiert haben … Das war ein Schrei, nicht wahr?
DOKTOR
Von einer Frau. Ja. Es heißt Sie habe den Verstand verloren … Die Zellen sind mittlerweile leer und gesäubert. Darin haben sie die „Nacht und Nebel“-Gefangenen untergebracht. Keine Sonne. Keine Frischluft. Nur Wassersuppe und eine Brotscheibe am Tag. Niemand weiß, was darin passiert ist. Die SS hat alle 8.000 Gefangenen kurz vor der Befreiung exekutiert.
MARTHA
(seufzt schwer)
DOKTOR
Kommen Sie, Frischluft wird Ihnen gut tun …
MARTHA
Es sind so viele. So unfassbar viele …
DOKTOR
Ja.
MARTHA
Bitte. Fahren Sie fort …
DOKTOR
Ich denke, besser nicht.
MARTHA
Nein, bitte. Ich will das nicht ignorieren. Habe kein Recht dazu.
DOKTOR
Ich weiß. Wir müssen darüber sprechen. Auch wenn es schwerfällt. Nur bitte, geben Sie auch auf sich Acht …
Es klopft und eine Tür wird geöffnet.
MAJOR
Herr Doktor, Mrs. Gellhorn. – Komme ich ungelegen?!
MARTHA
Nein, nein …
DOKTOR
Was gibt es denn, Major?
MAJOR
Es kam eben die Meldung rein: Der Krieg ist aus. Deutschland hat kapituliert.
DOKTOR
(ohne viel Emotion) Oh. Bravo. Das sind gute Neuigkeiten.
MAJOR
Ja.
DOKTOR
Ja.
MARTHA
Ja.
Atmo verstummt.
3.4 Niemand war ein Nazi
Regen prasselt auf Asphalt. Ein Taxi nähert sich. Quietschende Reifen – der Wagen kommt zum Stehen. Die Tür öffnet sich.
JONA
Marty?! – Marty, du bist es ja wirklich!
MARTHA
Jona?!
JONA
Komm, spring rein! Wirst ja ganz nass. Das Taxi hab‘ ich ohnehin schon bezahlt …
Sie klettert mit ihrem Koffer in den Wagen.
JONA
Warte ich hab den Koffer. So rein mit dir …
Sie schließt die Tür hinter sich. Wechsel ins Wageninnere. Scheibenwischer.
JONA
Unglaublich! Wie schön, dich wiederzusehen. Wo darf ich dich hinbringen?
MARTHA
Flughafen. Nur ein Katzensprung.
JONA
(zum Fahrer) Na dann mal los!
Er klopft auffordernd auf den Sitz. Der Wagen setzt sich in Bewegung.
JONA
(zu Martha) Du hast also genug vom schönen Deutschland?
MARTHA
Ich ertrag’s nicht mehr. Alles hier ist vergiftet. – Und deine Reise? Wo geht die hin?
JONA
Ach, ich räume hier noch ein paar Minen weg und dann ab zurück in die Heimat. Zu meiner Familie. – Alles in Ordnung, Marty? Du wirkst … verändert …
MARTHA
Ich glaube, ich brauche eine Pause. Will nur noch schlafen. Schlafen und nicht mehr aufwachen …
JONA
Wem sagst du das. Aber zum Glück ist in diesem Land niemand je ein Nazi gewesen. Nachts, ja, da platzieren die Deutschen fleißig ihre Fallen. Verminen unsere Fahrzeuge. Aber tagsüber, da beteuern sie im Chor, wie sehr sie alle Hitler gehasst haben. Und dass alle Juden und Kommunisten versteckt haben. Ja, am Tag, da sind wir die Antwort auf Deutsche Gebete.
MARTHA
(verbittert) Sechs Jahre Krieg. Millionen Tote. Und die Lügen leben weiter.
Der Wagen kommt zum Stehen.
JONA
Oh, das ging wirklich schnell. Die Abflughalle. Dabei gäbe es noch so viel …
MARTHA
Ein andermal, Jona. – Aber es war wirklich schön dich noch einmal zu sehen.
JONA
Guten Flug Marty …
Sie öffnet die Wagentür. Von draußen prasselt der Regen. Marty möchte gerade aufstehen …
JONA
(hält sie plötzlich auf) Marty?
MARTHA
Ja?
JONA
(zögerlich) Ich hab‘ nicht ganz die Wahrheit gesagt. Ich war in Treblinka. Hab‘ nur noch ihre Akten gefunden. Das war’s. Es gibt keinen mehr, der irgendwo auf mich wartet. Sie haben meine ganze Familie getötet. Ich … weiß nicht wohin. Nur, dass ich nicht zulassen möchte, dass sie mir auch noch meine Zukunft rauben. Ich weiß, das klingt verrückt, aber vielleicht war das ja kein Zufall. Unser Treffen gerade. Dieses Gefühl von ‚Zuhause‘, das hatte ich die letzten Jahre nur ein einziges Mal. – Mit dir. Und falls du das auch so empfindest, dann … Weißt du, wir könnten diesen Weg auch gemeinsam gehen …
MARTHA
(voller Wärme) Ach Jona, du bist viel zu blond und zu hübsch. – Ich hab‘ dich lieb. Sehr sogar … Leb wohl.
JONA
Leb wohl, Marty.
3.5 Gerda Taro
Platsch – ein Sturz ins Wasser. Wir versinken in einer Unterwasserwelt aus tausend erstickten Stimmen. Ein dunkler Herzschlag.
MARTHA
(im Fiebertraum) Schlafen und nie mehr aufwachen ...
STIMME 1
(mit Hall) Wie sie tanzen. Tanzen am Meeresgrund. (wiederholt es)
STIMME 2
(mit Hall) Zwischen gesunkenen Panzern. All dem Kriegsschrott. (wiederholt es)
STIMME 3
(mit Hall) Wie Algen tanzen sie. Mit zerfetzten Gesichtern. (wiederholt es)
STIMME 4
(mit Hall) Zwischen Bergen aus Haaren. Zähnen. Gerippe. (wiederholt es)
Martha zuckt im Wasser.
MARTHA
Nie mehr aufwachen … Nie mehr … Nie mehr wieder …
Sie taucht auf. Die gespenstische Atmo endet jäh.
MARTHA
(schnappt nach Luft, hustet und würgt)
CAPA
(erleichtert) Martotschka! Baruch Hashem [Gesegnet sei Gott]!
MARTHA
(übergibt sich direkt)
Martha speit Erbrochenes.
CAPA
Gut so, raus damit.
MARTHA
(prustet, krächzt, sehr erschöpft) Capa … Ich … bin so müde …
CAPA
(vehement) Nein, nein, nein. So leicht kommst du mir nicht davon! Wir gehen jetzt ein Stück durch deine Wohnung. Los, hoch mit dir. Hoch jetzt! (hilft ihr auf)
Er greift ihr untern Arm und zerrt sie auf die Beine. Sie klappt immer wieder zusammen …
MARTHA
Was … was ist passiert …
CAPA
Schlaftabletten. Du hast dich weggeschossen. Erst dachte ich du … Fuck, wenn ich nicht vorbeigekommen wäre …
MARTHA
Capa bitte … Ich kann nicht … (kämpft mit ihrer Müdigkeit)
CAPA
Natürlich kannst du. Ein Fuß vor den anderen. Los jetzt!
Er schleift sie durchs Wohnzimmer. Ein Teekessel beginnt zu pfeifen und wird immer lauter …
CAPA
(keucht) Links – Rechts – Links – Rechts – genau – wie die – Soldaten – Rechts – Links – Rechts – und gleich – ‘nen Schluck – Kaffee – Rechts – Links – Rechts …
Der Teekessel pfeift nun schrill. Capa stellt ihn vom Herd, schenkt zwei Tassen ein, rührt Pulver hinein und reicht eine Martha. Zeitsprung. Eine Standuhr tickt im Wohnzimmer.
MARTHA
(wieder wacher, sehr resigniert) Und heute, ausgerechnet heute kommst du mich besuchen. (nippt) Was ein Scheiß-Zufall …
CAPA
(lächelt müde) Ach, du weißt doch …
Er kramt nach seiner Münze.
CAPA
Ich und meine Entscheidungen. (zögert) Du hattest nicht wirklich vor dich …
MARTHA
Wenn, dann hätte ich’s wohl wie die Nazis machen sollen. Mit Zyankali. Die wissen wenigstens, was schnell ist. Effizient.
CAPA
Hör auf sowas zu sagen. Ich bin froh, dass du noch hier bist … Und zu meinem Besuch … Also … Ich wollte dich fragen, ob du mitmöchtest. Nach Indochina.
MARTHA
Ich habe abgeschlossen mit dem Krieg.
CAPA
Ja, aber … Vielleicht tut es auch einfach gut, wieder rauszukommen.
MARTHA
(nippt erneut) Du hattest recht mit der Hoffnung. Irgendwann erstickst du daran … Weißt du, Schreiben ist wie Auskotzen. Du siehst was Schreckliches und kotzt es einfach raus. Danach geht’s dir besser. So ist das immer gewesen. Aber Dachau … Ich hab‘ geschrieben. Alles aufgeschrieben. Aber ich … krieg’s einfach nicht raus …
CAPA
Pechschwarz bleibt für immer Pechschwarz …
MARTHA
(seufzt) Warum bist du wirklich hier?
CAPA
Du durchschaust aber auch alles. Ich wollte … nicht allein sein. Nicht heute …
MARTHA
Was ist heute?
CAPA
Der erste August. Der Geburtstag von … meiner Verlobten.
MARTHA
Du bist verlobt? Mit wem?
CAPA
(druckst) Das war vor Madrid. Ich spreche nicht viel darüber. Also gar nicht … Sie hieß Gerda … Wir haben uns in Paris kennengelernt. 34. Sie kam aus Deutschland. Jüdin. Wie ich auf der Flucht vor den Nazis. Sie war meine Verlobte und Assistentin. Hieß damals noch Gerda Pohorylle. Und ich: Endre Friedmann. – Gerda hatte diese verrückte Idee: Einen amerikanischen Meisterfotografen erfinden, unter dessen Namen wir unsere Fotos auf den US-Markt bringen können. Es klappte. Und wie. Wir sind nach Spanien. Immer häufiger schaffte es ‚Robert Capa‘ auf die Titelseiten. Das machte Gerda eifersüchtig. Weil alle in ihr nur ‚La pequeña rubia‘ sahen, die kleine Blondine. Weil sie mich ansprachen, obwohl es größtenteils ihre Fotos waren. Also erfand sie sich ein eigenes Pseudonym. Den Namen ‚Gerda Taro‘. Sie übertraf mich inzwischen in jeder Hinsicht: Ihr gutes Auge. Ihre Technik. Ihr Mut …
MARTHA
(sehr vorsichtig) Es hat sie erwischt, nicht wahr?
CAPA
Die Schlacht von Brunete. Wir hatten uns aufgeteilt und ich hörte nur, dass eine Frau angefahren wurde. Eine kleine Blondine vorne an der Front. – Ich fand sie im Graben. Noch am Leben. Brustkorb zertrümmert. Sie hatte von einem Wagen aus fotografiert, bis ein Panzer in sie reingedonnert ist … Dann die Fahrt Richtung Krankenhaus. Bei all den Schlaglöchern verlor sie den Verstand. „Endre“, rief sie immer wieder. – „Ich bin doch hier, Gerda. Bei dir.“ Aber sie hat mich nicht mehr erkannt … 5 Tage später, da wäre sie 27 geworden …
Martha nimmt ihn in den Arm.
MARTHA
Du hast es noch nie erzählt, stimmt’s?
CAPA
Niemandem. – Weißt du, ich kenne das. Dieses Gefühl in einer Wüste zu leben. Im Grunde gibt es nur drei Möglichkeiten: Du wirst verrückt, bringst dich um oder fängst an Blumen zu pflanzen. Für all die Gräber um dich herum. Ein paar Blüten ändern zwar nichts an der Wüste. Aber es macht vieles erträglicher.
MARTHA
Und darum ‚Robert Capa‘ …
CAPA
Es ist ihr Vermächtnis. Sie hat sich einen mutigen Capa ausgedacht. Darum arbeite ich weiter. An dieser gewaltigen Foto-Collage über das Grauen unserer Zeit. Weil ich der Robert Capa sein möchte, den sich Gerda gewünscht hat. Weil ich den Menschen die Welt zeigen will, die meine Frau auf dem Gewissen hat.
Atmo endet. Das Taro-Motiv setzt ein als kurzes Intermezzo.
3.6 Schrei nach Menschlichkeit
Die Musik klingt sachte aus. Frequenzrauschen eines Radios.
PROPAGANDA
(verzerrt) Als US-Amerikaner ist es unsere Pflicht Südvietnam beizustehen. Gegen die Unterdrückung durch die kommunistischen Aggressoren. Aus diesem Grund werden wir vermehrt Luftangriffe auf Vietcong-Stützpunkte durchführen, um so die feindlichen Guerilla-Kämpfer systematisch auszuschalten.
Klick – sie schaltet das Gerät ab. Das Radio verstummt.
MARTHA
(ans Publikum) Und wieder ist es so wie damals. Nur nicht Spanien. Nur Jahrzehnte später. Nur statt Nazi-Parolen die Propaganda unserer eigenen Regierung. Als ob Bomben je unterscheiden zwischen „Gut“ und „Böse“.
Eine Schreibmaschine klappert los.
MARTHA
Die Sache ist: Ich bin älter geworden und habe ein Gedächtnis – unsere Regierungen offenbar nicht. Gar nichts haben wir gelernt aus dem vergangenen großen Krieg. Einmal durch die Hölle – und dann? Here we go again … and again and again …
Sie beendet den Absatz und kramt eine Zeitung hervor.
MARTHA
Wie verschmitzt er auf diesem Foto lächelt. – Ob das alles ist, was am Ende von uns übrigbleibt? Ein Nachruf? Ein Gesicht, das von der Zeit längst verschluckt wurde?
Wieder Frequenzrauschen.
PROPAGANDA
(verzerrt) Die Armee betrauert den Verlust von Robert Capa. Als Fotograf hat er unsere Truppen im Südsektor Delta des Roten Flusses begleitet und wurde am 25. Mai 1954 Opfer einer Landmine der Việt Minh. Er starb im Alter von 40 Jahren nahe der Stadt Thái Bình.
Das Rauschen endet. Sie tippt weiter.
MARTHA
Ich höre noch immer den Schrei. Meinen eigenen. Und die Welt, die stumm bleibt. Leer. Es gibt nur dieses eine noch, woran ich mich festklammere: Ich muss sichtbar machen, was ansonsten im Dunkeln bleibt. Der Journalismus mag zwar kein Leuchtfeuer sein. Mehr ein Glühwürmchen. Aber er ist immer noch besser als ein Leben in absoluter Finsternis.
Sie beendet den Absatz. Turbinen fauchen. Ein Flugzeug startet und wird immer lauter.
MARTHA
Meine Freunde werden es nicht verstehen, doch ich kann nicht anders. Wenn sie diesen Brief hier lesen, werde ich vermutlich bereits im Flieger sitzen. Ein weiteres Mal wie so viele Male davor auf dem Weg ...
Auf dem Höhepunkt der Lautstärke verstummt die Atmo und das Tippen.
MARTHA
... in den Krieg.
4.1 Eichmann in Jerusalem
Treibender Beat setzt ein.
STIMME 1
(schnell aufgezählt) Indonesien, Sumatra, | Minen, Bomben, Angst, Gefahr, | Niederlande, Leichenberge, | Kombattanten, Witwen, Särge.
STIMME 2
Nürnberg, Göring, Rosenberg, | Nazi-Fratzen, Folterwerk, | Zeugen, Akten, Ungeheuer, | Massengräber, Asche, Feuer.
ALLE
(Refrain) So viel Schrecken, so viel Worte, | Reportagen, ferne Orte. | Weiterschreiben für die Menschen, | Weiterbrennen, weiterkämpfen.
STIMME 3
Napalm, Kinder, Tod, Saigon, | Agent Orange, Vietkong, | Helikopter, Paranoia, | Dschungel, Krücken, Minen, Feuer.
STIMME 4
Israel, Sechstagekrieg, | Propaganda, Lügen, Sieg, | wehren, fliehen, hart angreifen, | Nahostkonflikt, Gazastreifen.
ALLE
(Refrain, gehetzter) So viel Schrecken, so viel Worte, | Reportagen, ferne Orte. | Weiterschreiben für die Menschen, | Weiterbrennen, weiterkämpfen.
STIMME 3
Eichmann in Jerusalem, | Kalten Genozid verstehen, | Kriegsverbrecher, Judenfrage, | Schreibtischmord, Gesetzeswaage.
ALLE
(Refrain, sehr gehetzt) So viel Schrecken, so viel Worte, | Reportagen, ferne Orte. | Weiterschreiben für die Menschen, | Weiterbrennen, weiter …
SEKRETÄR
Ma’am, Sie können nicht einfach …
MARTHA
Und ob. Ist das sein Büro?!
Die Musik bricht jäh ab. Newsroom in Jerusalem. Ein Konzert aus scheppernden Telefonen und Schreibmaschinen. Eine Tür fliegt Martha entgegen. Jona und sie prallen fast ineinander.
MARTHA
Oh!
JONA
Marty?!
MARTHA
Jona?! Du hier …
SEKRETÄR
Herr Chefredakteur. Entschuldigen Sie, aber das Fräulein ließ sich nicht bremsen.
JONA
Ist gut, Youssef. Geh ruhig. Wir kennen uns.
Sekretär ab. Jona zieht sich einen Mantel an.
MARTHA
Ich fasse es nicht. Du bist hier in Jerusalem. Leitest diese Zeitung …
JONA
(scherzt) Sieht wohl so aus. (scherzt) Ups, wie konnte das passieren!? – Begleitest du mich?
MARTHA
Und ob. Hab‘ ein Hühnchen mit dir zu rupfen.
Sie gehen los.
JONA
Weil es dein Eichmann-Text nicht auf die Titelseite schafft?
MARTHA
Erst ist die ganze Weltpresse in Israel. Dann saust ein Mann in einer Blechbüchse um die Erde und keinen interessiert’s mehr. Das ist doch …
JONA
‚Balagan‘. Ich weiß. Ein einziges Chaos.
MARTHA
Juri Gagarin kann nicht wichtiger sein als die Shoah!
JONA
Du weißt selbst, dass es bei Gagarin nicht um Raumfahrt geht, sondern ums Wettrüsten.
MARTHA
(redet sich in Rage) Adolf Eichmann hat die Morde an sechs Millionen Menschen organisiert! Wir müssen aus diesem Gerichtsprozess lernen!
JONA
Ich weiß doch, Marty, aber …
MARTHA
Müssen verstehen, wie es zu diesen Verbrechen je kommen konnte.
JONA
Ich weiß.
MARTHA
Damit sie sich nie mehr wiederholen.
JONA
Ich weiß!
Sie bleiben stehen.
JONA
Ich war auch da. Ich habe alles gesehen … und alles verloren.
MARTHA
(fängt sich, nach einer Weile) … Ich weiß. Tut mir leid.
JONA
Was soll ich machen. Die Leitlinien unseres Herausgebers sind eindeutig. Und die Zahlen belegen das auch: Unsere Leserinnen und Leser interessieren sich nun mal mehr für die aktuellen Kriege. Und nicht für die Aufarbeitung der Alten. – Komm.
Er öffnet die Tür nach draußen. Sie gehen weiter über Asphalt. Wechsel in den Verkehrslärm von Jerusalem. Viele Motorroller preschen vorüber.
MARTHA
Wo ist er nur hin, der blonde, hübsche, wehmütige Soldat. Du hast dich verändert.
JONA
Und du dich überhaupt nicht. (ruft) Taxi!
MARTHA
Warte doch. Mein Hotel ist gleich um die Ecke.
JONA
Tut mir Leid, bin schon verabredet.
Sie bleiben stehen. Ein Taxi hält.
MARTHA
Weißt du, ich habe viel darüber nachgedacht. Über das, was du in Deutschland gesagt hast. Wie lange ist das her?
JONA
16 Jahre.
MARTHA
Du hast gesagt, dass du dir ein Leben mit mir vorstellen könntest …
JONA
Marty …
MARTHA
Weißt du, manchmal merke ich doch, dass ich älter werde. Mir ist das nie gelungen. Das Wurzeln fassen, meine ich … Ich glaube, ich habe dich vermisst, Jona. Und vor lauter Rennen ist es mir gar nicht aufgefallen.
JONA
Es war schön dich zu treffen, Marty. Aber meine Frau wartet …
MARTHA
(stutzt, dann) Es passiert viel in 16 Jahren.
JONA
Das kannst du laut sagen. Wir haben ein gemeinsames Kind. Er heißt Simon.
MARTHA
Wie schön. Das freut mich. Wirklich.
JONA
Pass gut auf dich auf, Marty.
Er öffnet die Autotür.
MARTHA
Du bist viel zu blond und zu hübsch, Jona, weißt du das?
JONA
Ich hab‘ dich lieb. Sehr sogar … Leb wohl.
MARTHA
Leb wohl, Jona.
Die Tür schlägt zu. Das Taxi braust davon.
4.2 Keine Fußnote im Leben anderer
Langsame Überblendung hin zu einem sich drehenden Kassettenrekorder. Klick – der Schalter eines Aufnahmegeräts. Das Gerät verstummt.
EDNA
Audio funktioniert. Video auch. Fehlt nur noch der Kollege. – Ich habe übrigens ihre Bücher gelesen. Sie sind schuld daran, dass ich heute bei der BBC arbeite.
MARTHA
Oh, das tut mir leid.
EDNA
Das war immer mein Wunsch: Korrespondentin. Immerhin bin ich jetzt beim Radio.
MARTHA
Wie furchtbar. Sie müssen raus da, meine Liebe! Hinaus in die Welt!
EDNA
Schwierig. Bei meiner verdammten Flugangst. Nein, keine zehn Pferde bringen mich raus aus London.
Es klingelt. Edna geht zur Tür.
EDNA
Endlich. Das muss er sein.
MARTHA
Der Kameramann?
EDNA
Der TV-Kollege, der Sie gleich interviewt. Ich schneide hier nur mit fürs Radio.
Sie öffnet die Tür. Ein Reporter poltert herein und schüttelt seinen Regenmantel aus.
REPORTER
Tschuldige Eva.
EDNA
Edna.
REPORTER
Wie auch immer. Rushhour in London. Nicht mal Zeit, was Vernünftiges zu futtern.
MARTHA
Edna heißen Sie?! – Schöner Vorname.
EDNA
Danke. – Ihre Mutter hieß auch so stimmts?
MARTHA
(kichert) Ihre Hausaufgaben haben Sie gemacht.
REPORTER
Wirklich rührend.
Der Reporter setzt sich und packt einen Haufen Sandwiches aus.
REPORTER
(beißt ab, mit vollem Mund) Sind wir startklar?
EDNA
Sobald du fertiggekaut hast.
Klick – ein Schalter. Die Kassette läuft wieder.
EDNA
Kamera läuft. Audio auch.
REPORTER
(schmatzend) Formidabel.
Während des Interviews raschelt er mit dem Sandwich-Papier und mampft überdeutlich.
REPORTER
Also, Mrs. Gellhorn, Sie waren die, mh, die dritte Ehefrau des vielleicht bedeutendsten Schriftstellers dieses Jahrhunderts. – Wie war das so?
MARTHA
Ein Fehler.
REPORTER
(wartet kurz ab, dann) Interessant, ja, sehr interessant. – Als Ernest Hemingway sich dann am …
Er blättert in seinen Unterlagen.
REPORTER
… ah, am 2. Juli 61 das Leben nahm, was genau ist da in Ihnen vorgegangen?
MARTHA
Nichts. Nada.
REPORTER
Interessant, ja, sehr interessant. – Und das hat Sie nicht irgendwie … überrascht?
MARTHA
Nun, er hat oft erzählt, wie er’s machen würde: Den Lauf seines Gewehrs im Mund. Den großen Zeh am Abzug. – Aber was weiß ich. Es geht mich nichts mehr an.
REPORTER
Mhm, mhm … Sie waren ja auch mit diesem Capa befreundet. Bekannt durch dieses Foto aus dem Spanischen Bürgerkrieg: „Der gefallene Soldat“, richtig?
MARTHA
„Der fallende Soldat“.
REPORTER
Ach ja, hier steht’s … Neuste Forschungen legen den Verdacht nahe, dass es sich um ein gestelltes Bild handelt. Können Sie zur unauthentischen Darstellung …
MARTHA
Nein. – Lassen wir die Toten einfach aus dem Spiel.
EDNA
Rufus, bitte.
REPORTER
Man wird doch wohl noch fragen dürfen, Emma.
EDNA
Edna!
REPORTER
Sowas ist interessant, ja sogar sehr interessant. Eine Freundschaft zu dem großen Robert Capa. Eine Liebschaft mit Ernest Hemingway in Madrid …
MARTHA
Genug. Ich möchte, dass Sie und ihr Sandwich jetzt mein Haus verlassen.
Schalter-Klick. Die Aufnahme wird abgebrochen.
MARTHA
(ans Publikum) Meine jüngsten Reportagen zum Krieg im Nahen Osten, in Vietnam, Nicaragua. Faktisch alles, was ich tue, ist interessanter, als dass ich mich damals vor fast 50 Jahren zur Ehe mit diesem Scheusal entschlossen habe. Als ob das die wichtigste Entscheidung meines Lebens gewesen wäre. Himmel, ich bin fast 80 und habe es erfolgreich geschafft 75 Jahre meines Lebens nicht mit Ernest verheiratet zu sein. – Ich bin keine Fußnote im Leben eines anderen!
Kurzes Intermezzo: Das Taro-Motiv.
4.3 Indochina
Tropenregen prasselt auf schwere Blätter. Zikaden-Zirpen. Wir sind mitten im Urwald.
MARTHA
(wispert) Ist das ein Traum? Oder nur eine Geschichte, die nie geschrieben wurde?
CAPA
(mit Hall) Schön aufrecht, Soldat.
MARTHA
Wäre ich damals nur mitgekommen. In den Dschungel. Nach Indochina …
CAPA
(mit Hall) Und jetzt nicht bewegen.
Fotoklick.
MARTHA
Manche Tote lassen sich nicht begraben. Sie leben weiter … In uns …
CAPA
(mit Hall) Sehr gut. Und jetzt noch eine Totale vom Geländewagen.
Schritte durchs hohe Gras.
MARTHA
Dieses Bild: Klarer als es meine trüben Augen heute zulassen würden: Capa, der durchs hohe Gras läuft. Ein Schritt. Noch einer. Dann einer zu viel.
Metallklick. Wusch – für einen Moment verstummen alle Umweltgeräusche.
MARTHA
Ein Blitz. Wie bei einem Foto. Und Capa, der durch die Luft segelt. Rudert. Taumelt. Doch ihm bleibt nichts mehr zu greifen in diesem Leben …
Wusch – die Urwaldgeräusche kehren zurück.
MARTHA
Ich sehe mich selbst. Ganz nahe neben ihm knien …
CAPA
(nun ohne Hall, schnappt nach Luft) Gerda …
MARTHA
Himmel, er lebt! – Ein Soldat hilft mir ihn zu verladen.
Eine Wagentür knallt. Der Jeep prescht mit Affenzahn los. Schlamm spritzt auf. Alles holpert erbarmungslos.
MARTHA
Wir fahren los. Preschen durch den Urwald. Bis zum Lazarett ist es nicht weit. Doch die Strecke ist erbarmungslos. Der Monsun hat alle Pfade in Matsch verwandelt.
Etwas scheppert – Capas Trage knallt gegen die Jeep-Wand.
CAPA
(stöhnt auf vor Schmerz) Gerda …
MARTHA
Er erkennt mich nicht. Ich gebe ihm Morphin. Alle Verbände – längst durchgeblutet.
Der Wagen versinkt im Matsch. Reifen drehen durch. Martha tritt vergeblich aufs Gaspedal. Reißt den Lenker herum.
MARTHA
Dann dieser Schlammfluss. Die Räder unseres Jeeps drehen durch.
Der Wagen stirbt mit einem kümmerlichen Gurgeln.
MARTHA
Abgesoffen. Fuck! – Sie holen Verstärkung. Ohne ein anderes Fahrzeug schaffen wir’s hier nicht mehr raus. Doch irgendwie muss es ja weitergehen! – Ich bleibe bei Capa.
Nur noch Urwaldgeräusche. Das Regenprasseln nimmt zu.
CAPA
(sehr schwach) Gerda, was … ist passiert?
MARTHA
(zu Capa) Du bist auf eine Landmine getreten.
CAPA
Wurde auch Zeit …
Sie öffnet den Verschluss einer Feldflasche.
MARTHA
Hör auf sowas zu sagen. Es ist nicht mehr weit. Wir werden dich retten! – Hier, trink.
CAPA
Ach Gerda, du wirst an deiner Hoffnung noch ersticken. (nippt, verschluckt sich)
MARTHA
Hey, nicht vergessen. Du bist immer noch der furchtlose Robert Capa!
CAPA
Von uns beiden warst du immer die Mutige. Ich dagegen … Was denkst du, wie ich das sonst alles hätte überleben können …
MARTHA
Blödsinn! Was ist mit Spanien?!
Capa zieht seine Münze aus der Manteltasche.
CAPA
Meine Glücksmünze. Sieh sie dir an. Schau ganz genau hin.
Martha nimmt die Münze.
MARTHA
Kopf … und wieder Kopf.
CAPA
Es gibt keine Zufälle. Die Schlacht von Brunete. Du wolltest, dass ich mitkomme. Aber ich hatte Schiss, Gerda. So schiss wieder an die Front zu müssen. Also hab‘ ich die Münze geworfen. Bin nach Paris. Und hab dich allein in diese Hölle geschickt. (schluchzt) Ich hab‘ dich verloren, Gerda. Verspielt hab‘ ich dich. In den Tod geschickt. Wäre ich nur da gewesen. Der echte Robert Capa, der wäre bei dir gewesen …
MARTHA
Capa bitte … Endre … Sieh‘ mich an. Wie deine Münze. Der eine Kopf, das ist Gerda. Und der andere …
CAPA
(erkennt sie endlich) Martotschka …
MARTHA
Ja … ja, Martotschka. (küsst ihn, weint) Ich hab‘ dich vermisst, weißt du? Ich brauche dich jetzt. Ich brauch dich in meinem Leben.
CAPA
(lacht leise) Ich glaube nicht … Weißt du, so viele haben den Kürzeren gezogen. Die Soldaten in der Normandie. Gerda. Auch ich hab‘ so oft den Kürzeren gezogen und bin weggelaufen. Aber heute … heute akzeptiere ich mein Los.
MARTHA
Nein, nein … Das hier ist meine Geschichte. Ich schreibe dir einen Weg hier raus!
CAPA
(sehr ruhig) Schreib was du willst, Martotschka. Du kannst die Wahrheit ja doch nicht verändern. Die Vergangenheit … Wir sind alt geworden … Es wird Zeit …
Langsamer Übergang: Vom tropischen Monsunregen zum kalten europäischen Regen.
4.4 Abschied
Wir lauschen eine Weile dem Prasseln. Pling – zwei Gläser stoßen an.
MARTHA
Auf dich, liebe Edna. Auf dein Radiofeature. Und dass ich es überlebt habe. (trinkt)
EDNA
(trinkt ebenfalls) Und? Wie war es, deine eigene Biografie zu hören?
MARTHA
Sagen wir, ich habe mich selbst kaum wiedererkannt. Dafür umso mehr von dir. Ich vermute ein gutes Zeichen. – Leihst du mir deinen Arm?
Martha hackt sich bei Edna ein. Sie spazieren über einen Kiespfad.
MARTHA
Was siehst du?
EDNA
Meinst du die Schneeglöckchen? Oder die umtriebige alte Reporterin neben mir?
MARTHA
Falls du auf den Kosovo-Krieg anspielst: Nach reichlicher Überlegung, habe ich beschlossen, dass das jetzt andere übernehmen können. Nein, so eine blinde 89-Jährige taugt doch nur mäßig zur Berichterstattung.
Sie nimmt sich eine Zigarette aus ihrem Etui und zündet sie an.
MARTHA
Sag, wann ist nochmal der Sendetermin von meinem, ich meine ‚deinem‘ Feature?!
EDNA
Morgen.
MARTHA
Morgen schon … Kannst du‘s nicht auf Sonntag verschieben?
EDNA
Hast du Einwände?
MARTHA
Nein, nur … am Sonntag werden doch gewiss mehr Leute zuhören. (nimmt einen Zug)
EDNA
(zögert, dann) Martha, ich weiß, dass es Krebs ist.
MARTHA
(pustet aus)
EDNA
Die Kur, die vielen Arzttermine, all die Freundes-Besuche in letzter Zeit. Fast so, als würdest du alles regeln wollen und dann … Aber das ist Unsinn, nicht wahr?
Sie bleiben stehen.
MARTHA
Ein Jammer, dass eine so scharfsichtige Reporterin doch nie rauskam aus London.
EDNA
Aber das kannst du doch nicht machen! Bei allem, was du erlebt hast. Du bist für so viele ein Idol und ...
MARTHA
Liebes, Ich habe viel gesehen. Über 53 Länder. So viel Schönes und Grausames. Und geschrieben habe ich. So wie andere ans Ufer schwimmen …
EDNA
Dann lass mich dir helfen. Du diktierst und ich schreibe und lese dir alles vor. Zusammen schaffen wir deinen Roman. Es muss doch irgendwie weitergehen!
MARTHA
Ja muss es … Aber ohne mich.
EDNA
(kämpft mit den Tränen)
Martha nimmt sie in den Arm.
MARTHA
Ruhig Liebes. Shhht … Warte noch bis Sonntag mit der Ausstrahlung, ja? Schreibe mir ein schönes Schlusswort.
EDNA
Ich weiß nicht, ob ich das kann ...
MARTHA
Hey … (aufmunternd) So, und jetzt frag‘ du mich, was ich sehe.
EDNA
(schnieft) Was – was siehst du?
MARTHA
(sehr stolz) Ich sehe … eine junge, tapfere Frau.
Nach einer Weile blendet die Atmo langsam aus.
4.5 Apokalypse Now
Ein dunkles Grollen bahnt sich an. Eine Klangfläche, die sich steigert zur Lärm-Symphonie.
MARTHA
(ans Publikum) Es endet mit dem letzten aller Kriege. Noch ungeschehen und doch viel zu real …
Wir hören vier dunkle, ruckartige Stöße. Ein anschwellendes, scharfes Heulen, das sich langsam in die Höhe schraubt.
STIMME 1
Es könnte eine Nacht sein. Wie jede andere.
STIMME 2
Tausend Abschüsse.
STIMME 3
Und alle zum Tode verurteilt.
STIMME 4
An jenem noch ungeschriebenen Tag, wenn die Zeitrechnung endet.
ALLE
Tausend Raketen fliegen über die Welt.
Die Flugkörper rotieren. Windböen schütteln sie.
STIMME 1
Und Tausende antworten mit einem atomaren Gegenschlag.
STIMME 2
In gewaltigen Fontänen spritzen sie aus dem Meer.
STIMME 3
Weiße Rauchsäulen, die aufsteigen …
STIMME 4
… bis in den erdnahen Weltraum.
Atmo und Geräusche nehmen sich zurück. Die Musik hält die Spannung.
MARTHA
Und wieder befahren wir hirnverbrannt diese Straße. Mit voller Geschwindigkeit und auf dem Weg ins Nichts. Der Totalitarismus breitet seine Flügel aus über der Welt. – Und ich? Ich habe dagegen angeschrieben. Mein ganzes Leben lang. Wollte denen eine Stimme geben, die im Getöse zermalmt werden. „To put it on the record.“
ALLE
Und unter den Raketen duckt sich das Leben.
STIMME 1
So viele Ethnien und Völker.
STIMME 2
Einzelschicksale.
STIMME 3
Kriegsgeprägte.
STIMME 4
Verdammte durch die Gewalt von …
ALLE
Tausend Raketen über der Welt.
Geheul der Bomben: Immer schriller, lauter, bedrohlicher.
STIMME 1
Die tausende Kilometer in Minuten zurücklegen.
STIMME 2
In ihrem Inneren: Sechs nukleare Sprengköpfe.
STIMME 3
Mit der Gewalt von je 50 Kilotonnen TNT.
STIMME 4
Erreichen sie den Zenit ihrer Flugbahnen.
Atmo und Geräusche nehmen sich zurück. Die Musik hält die Spannung.
MARTHA
Im Jahr 1986 hatten die Vereinigten Staaten Militärausgaben von rund einer Milliarde US-Dollar pro Tag. Unfassbar viel Geld, das an anderen Stellen fehlt. Regierungen sind es, die das Feuer schüren. Die alten Hassmärchen. Völker, die Propaganda schlucken, weil sie den Geschmack von Lügen gewohnt sind. Dabei gibt es nur eine Geschichte des Krieges: Und die erzählt von Leid, Hunger, Flucht und Tod.
ALLE
Und unter den Raketen erzittert das Leben.
STIMME 1
Witwen. Waisen.
STIMME 2
Vertriebene. Verlorene.
STIMME 3
Vereint durch den Wunsch nach einem „Nie mehr wieder“.
STIMME 4
Verspottet und verhöhnt von ...
ALLE
Tausend Raketen über der Welt.
Kreischendes Fauchen. Sie gewinnen an Fallgeschwindigkeit.
STIMME 1
Ausgesandt, um ein Versprechen zu offenbaren.
STIMME 2
Von gegenseitiger Vernichtung. Nuklearem Winter.
STIMME 3
Die Schwerkraft zwingt sie in den freien Fall.
STIMME 4
Unaufhaltsam hinab. Zum Ende hin.
Atmo und Geräusche nehmen sich zurück. Die Musik hält die Spannung.
MARTHA
Ich glaube nicht mehr an das Gute im Menschen. Nur, dass Menschlichkeit ein Zweck in sich ist. Den Großteil meines Lebens habe ich zu einer privilegierten Gruppe aus Kassandras gehört. Wir haben stets das Unheil verkündet und mussten mit ansehen, wie es pünktlich eingetroffen ist. Und trotzdem brauchen wir den Journalismus heute dringender denn je. – Ist nicht das Erinnern die beste Waffe gegen den Krieg?!
Die Raketen kreischen nun ohrenbetäubend. Sind kurz vor Einschlag.
STIMME 1
Eine Nacht wie jede andere.
MARTHA
Es kann sich nur etwas ändern. Es muss sich etwas verändern.
STIMME 2
Und 6 Milliarden Menschen, die vergessen werden.
MARTHA
Wenn nicht, sind wir hoffnungslos verloren.
STIMME 1
Und Augen, die in den Himmel starren.
STIMME 2
Und Panik, die sich ausbreitet.
STIMME 3
Und Menschen in letzten Umarmungen.
STIMME 4
Und Gesichter voller Tränen.
ALLE
Und eine Stille …
Schlagartig Stille.
5.1 Die Erbin
Überdeutlich wird ein Streichholz entzündet.
EDNA
(zieht an einer Zigarette)
Nach einer Weile klappert die Schreibmaschine los.
EDNA
(beim Tippen) Abmoderation des Radiofeatures „Stimme des Krieges“. Am Samstag, den 14. Februar 1998 wählte Martha Gellhorn im Alter von 89 Jahren den Freitod. Zu diesem Zeitpunkt war der Krebs in Eierstöcken und Leber bereits unaufhaltsam fortgeschritten und ein Ende absehbar. Die Ärzte bestätigten einen Suizid durch Zyanid‑Vergiftung. Ihre Wohnung hatte Gellhorn in bester Ordnung hinterlassen. Der Müll stand vor der Tür. Die 75 Flaschen Grouse Whisky vermachte Sie ihrem Freundeskreis. Ihrem letzten Willen folgend wurde ihre Asche in die Themse gestreut. Startpunkt für die, ihren Worten nach, „nächste große Reise ins Unbekannte“.
Tippen endet. Sie zieht das Blatt aus der Schreibmaschine.
EDNA
Mir hat sie ihre Reiseschreibmaschine hinterlassen. Und außerdem …
Sie reißt einen Briefumschlag auf.
EDNA
(verwundert) Flugtickets?!
Pling – das Anschnallzeichen. Szenenwechsel in ein Flugzeug, das Richtung Startrampe rollt. Klick – Edna schnallt ihren Gurt fest.
EDNA
(atmet hörbar nervös)
Ihr Sitznachbar fummelt derweil in einer Kaugummi‑Schachtel.
NACHBAR
Ach ja, jedes Mal aufs Neue aufregend, nicht wahr? (wirft sich einen Kaugummi ein) Ich sage ja immer, dass ich ein Bodenmensch bin. Ja, ein Bodenmensch. – Kaugummi?
EDNA
Danke, nein.
NACHBAR
Dabei ist es die sicherste Art zu reisen, wie sie sagen. Mal abgesehen davon, dass ich sehr schnell … – Woooooooh …
Die Turbinen donnern los. Das Flugzeug startet. Treibende Beat setzt ein. Das Aufbruch‑Motiv.
EDNA
(kämpft hörbar gegen ihre Flugangst)
NACHBAR
(kaut schneller) Jetzt gibt’s Zunder. Aber man kann ja bekanntlich nur einmal sterben.
Ein Ruck geht durch die Kabine. Fauchend hebt die Maschine ab. Edna greift nach ihrem Spuckbeutel.
EDNA
(pustet hektisch hinein)
NACHBAR
Absurde Sache, nicht wahr?! Eingequetscht in eine winzige Blechröhre. Und das alles nur für ein paar Tage Strandurlaub. – Ihr erster Flug, wenn ich fragen darf?
EDNA
(übergibt sich; stöhnt)
Erbrochenes klatscht in die Tüte.
NACHBAR
(schmatzt immer schneller) Das wird. Das wird. Nur nicht an den Abgrund denken. Da kann einem nur schwummrig werden. – Schon Vorfreude auf die Akropolis?
EDNA
(keucht) Athen ist für mich nur Transit.
NACHBAR
Dann vermutlich Kreta? Zypern?
EDNA
Kosovo.
NACHBAR
(verschluckt sich an seinem Kaugummi) Oh. Aber das heißt ja …
EDNA
Ganz genau.
Musik und Atmo setzen schlagartig aus.
EDNA
Ich ziehe in den Krieg.
Stille und Black.
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